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  <title>Chomskyarchiv</title>
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            These are the search results for the query, showing results 1 to 2.
        
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  <item rdf:about="http://chomskyarchiv.de/artikel/anmerkungen-zum-anarchismus">
    <title>Anmerkungen zum Anarchismus</title>
    <link>http://chomskyarchiv.de/artikel/anmerkungen-zum-anarchismus</link>
    <description>For Reasons of State, 1973</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[
<p>In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieb ein dem Anarchismus
nahestehender Autor, der "Anarchismus habe einen breiten Rücken und sei
geduldig wie Papier", und er schließt damit nachdrücklich jene ein,
deren Taten auch "von einem Todfeind des Anarchismus nicht übertroffen
werden könnten". <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss1"><sup>[1]</sup></a></p>
<p>Es gab schon immer viele Denk- und Handlungsweisen, die man dem
Anarchismus zuschrieb. Es wäre aussichtslos, zu versuchen, alle diese
widersprüchlichen Tendenzen einer generellen Theorie oder Ideologie
zuzuordnen. Selbst wenn wir daran gingen, aus der Geschichte des
libertären Denkens eine sich lebendig entwickelnde Tradition
herauszulesen, wie es der französische Autor Daniel Guerin in seinem
Buch "Anarchismus"<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss2"><sup>[2]</sup></a> tut, bliebe es noch schwierig, diese Meinung zur spezifischen und
bestimmenden Theorie für Gesellschaft und gesellschaftliche Veränderung
zu machen.</p>
<h3>Befreiung der Gesellschaft vom Staat</h3>
<p>
Der deutsche Anarchosyndikalist und Historiker Rudolf Rocker stellt in
seinem Buch "Anarchosyndikalismus" ein systematisches Konzept der
Entwicklung des anarchistischen Denkens in Richtung auf den
Anarchosyndikalismus dar. Ähnlich wie es in Guerins Werk geschieht. Er
schrieb, dass der Anarchismus ".., kein festes, in sich geschlossenes System
darstellt, sondern eher einen bestimmten 'Trend in der
Menschheitsgeschichte', welcher in Gegnerschaft zu der intellektuellen
Bevormundung, durch kirchliche und administrative Einrichtungen nach
freier und unbehinderter Entfaltung aller individuellen und
gesellschaftlichen Kräfte im Dasein strebt. Selbst Freiheit ist nur ein
relativer und kein absoluter Begriff, da er die stete Tendenz hat, sich
auszuweiten und auf mannigfaltige Weise immer größere Kreise zu ziehen.
Für die Anarchisten ist Freiheil kein abstrakter philosophischer Wert,
sondern die lebensnotwendige und konkrete Möglichkeit, die jeder Mensch
hat, um all seine Kräfte, Fähigkeiten und Talente, wie sie ihm von
Natur her verliehen sind, zu voller Entfaltung zu bringen und sie für
die Gesellschaft gewinnbringend zu machen. Je weniger diese natürliche
Entwicklung des Menschen von kirchlicher und politischer Bevormundung
beeinträchtigt ist, desto tüchtiger und harmonischer kann die
menschliche Persönlichkeit werden und Maßstab der geistigen Kultur der
Gesellschaft sein, in der sie aufgewachsen ist". <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss3"><sup>[3]</sup></a></p>
<p>
Man könnte fragen, was für ein Sinn darin liegt, "einen bestimmten
Trend in der historischen Entwicklung der Menschheit" zu verfolgen,
welcher keine spezifische und detaillierte gesellschaftliche Theorie
artikuliert. Und in der tat weisen viele Kritiker den Anarchismus als
Utopie zurück, als etwas Formloses, Primitives und etwas, was mit den
Realitäten nicht vereinbar ist. Man könnte aber auch anders
argumentieren: Nämlich das es unser Anliegen sein muss, innerhalb jeder
Phase der Geschichte jene Form von Autorität und Unterdrückung
bloßzustellen, die noch aus einer Ära herrühren, wo sie Berechtigung
gehabt haben könnten aus tatsächlichen Erfordernissen der Sicherheit,
des bloßen Überlebens oder der Ökonomischen Fortentwicklung, jetzt aber
eher zum materiellen und kulturellen Niedergang beitragen, anstatt ihn
zu beheben. Wenn dem so ist, dann kann es auch keine Lehre von einer
Gesellschaftsveränderung, geben, die mit Zuverlässigkeit auf die
Gegenwart und die Zukunft anwendbar ist, und letztlich auch kein
spezifisches und unveränderbares Konzept für das Ziel der Veränderung
der Gesellschaft. Sicher ist unser Verständnis von der menschlichen
Natur und auf dem Gebiet praktikabler Gesellschaftsformen noch so
lückenhaft, dass wir jeder einflussreichen Lehre mit großer Skepsis
entgegentreten müssen, so wie Skepsis auch dann angebracht ist, wenn
wir zu hören bekommen, dass die "menschliche Natur" oder die
"Erfordernisse des Fortschritts" oder die "Komplexität des modernen
Lebens" diese oder jene Form von Unterdrückung oder autokratischer
Herrschaft verlangen. Nichtsdestoweniger ist zu bestimmten Zeiten Grund
vorhanden, soweit es unser Verständnis der Dinge zulässt - eine
spezifische Erkenntnis dieses "bestimmten Trends in der historischen
Entwicklung der Menschheit" zu entwickeln, den gegenwärtigen Aufgaben
angemessen. Für Rocker ist das Problem, das unserer Zeit gesetzt ist,
jenes: Den Menschen von dem Fluch der Ökonomischen Ausbeutung und der
politischen und gesellschaftlichen Versklavung zu befreien, wobei die
Methode weder Okkupation und Ausübung staatlicher Macht, noch die des
völlig wirkungslosen Parlamentarismus sein kann; es geht ihm vielmehr
darum, die Ökonomische Existenz der Menschen von Grund auf zu erneuern
und sie im Geist des Sozialismus aufzubauen.</p>
<div class="quote">"Jedoch sind nur die Produzierenden selbst für diese
Aufgabe geeignet, da sie allein das einzig wertschaffende Element in
der Gesellschaft sind, aus dem eine neue Zukunft erstehen kann. Ihre
Aufgabe muss es demnach sein, die Arbeit von all den Fesseln zu
befreien, welche die Ökonomische Ausbeutung ihr angelegt hat, um die
Gesellschaft von allen Institutionen und allen Arten politischer
Machtausübung zu erlösen, sowie den Weg zu einem Bündnis freier Gruppen
von Männern und Frauen zu öffnen, welches auf Kooperation und geplanter
Regelung, aller Angelegenheiten für Interesse der Gemeinschaft beruht.
Die werktätigen Massen in Stadt und Land auf dieses große Ziel
vorzubereiten und sie zu einer militanten Macht zusammenschweißen ist
das Ziel des modernen Anarchosyndikalismus und eben darin liegt sein
ganzer Sinn." <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss1"><sup>[4]</sup></a><br /><br />Als Sozialist würde es Rocker nie hinnehmen, "dass die echte,
endgültige und vollkommene Befreiung der Arbeiter nur unter der einen
Bedingung möglich sei: Nämlich lediglich durch die Aneignung von
Kapital, das soll heißen, von Rohstoffen und sämtlichen Arbeitsmitteln
- einschließlich des Bodens - durch die Masse der Arbeitenden"
(Bakunin). Als Anarchosyndikalist besteht er außerdem darauf, dass die
Arbeiterorganisationen "nicht nur die Ideen, sondern auch die Fakten
der Zukunft schaffen" (Bakunin) und zwar schon in der vorrevolutionären
Periode, dass sie in sich selbst die Struktur der zukünftigen
Gesellschaft verkörpern, - und in seiner Vorstellung nimmt er bereits
jene Soziale Revolution vorweg, welche sowohl den Staatsapparat
entlarven, als auch die Enteigner enteignen wird: Was wir an die Steile
der Regierung setzen, ist die industrielle Organisation.</div>
<div class="quote"><br />"Die Syndikalisten sind der Überzeugung, dass die
Organisation einer sozialistischen Wirtschaftsordnung nicht durch
Regierungsbeschlüsse und Dekrete geregelt werden kann, sondern nur
durch den Zusammenschluss aller Kopf- und Handarbeiter in jedem
besonderen Produktionszweig: Durch die Übernahme der Verwaltung jedes
einzelnen Betriebes durch die Produzenten selbst und zwar in der Form
dass die einzelnen Gruppen, Betriebe und Produktionszweige
selbstständige Glieder des allgemeinen Wirtschaftsorganismus sind, die
aufgrund gegenseitiger und freier Vereinbarungen die Gesamtproduktion
und die allgemeine Verteilung im Interesse der Allgemeinheit planmäßig
gestalten".<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss5"><sup>[5]</sup></a><br /><br /></div>
<p>Rocker arbeitete auch während der Spanischen Revolution an seinen
Werken, als solche Ideen auf dramatische Weise in die Praxis umgesetzt
wurden. Unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution hatte der
Anarchosyndikalist und Ökonom Diego Abad de Santillàn geschrieben:</p>
<div class="quote">"... wenn man sich mit dem Problem der
Transformation der Gesellschaft befasst, kann die Revolution unmöglich
den Staat noch als ein geeignetes Mittel ansehen, sondern muss sich auf
die Organisation der Produzenten selbst verlassen.<br />
<br />
Wir sind diesem Modell gefolgt und wir sehen keine Notwendigkeit für
die Hypothese, dass der organisierten Arbeiterschaft noch eine
staatliche Macht übergeordnet sein müsste als Voraussetzung für eine
Neuordnung. Wir wären jedem dankbar, der uns beweisen könnte, welche
Funktion - wenn überhaupt - der Staat innerhalb einer wirtschaftlichen
Organisation haben kann, in der das Privateigentum abgeschafft ist und
in der Parasitentum und Sonderprivilegien keinen Platz mehr haben.<br />
<br />
Die Beseitigung der Staatsgewalt darf keine halbe Sache sein; es ist
die Aufgabe der Revolution, mit dem Staat ein Ende zu machen. Entweder
gibt die Revolution den gesellschaftlichen Reichum an die eigentlichen
Produzenten zurück - wobei diese sich um einer angemessenen kollektiven
Verteilung willen organisieren - und damit erübrigt sich der Staat,
oder die Revolution verweigert den Werktätigen den gesellschaftlichen
Reichtum: In diesem Fall wäre die Revolution zur Lüge geworden und der
Staat würde weiterexistieren.<br />
<br />
Unser föderalistischer Wirtschaftsrat ist keine politische Macht,
sondern eine ökonomische und administrativ regulierende Instanz. Sie
erhält ihre Anweisungen von unten und operiert in Übereinstimmung mit
den Beschlüssen der regionalen und nationalen Gesetzgeber. Sie ist
weiter nichts als ein Bindeglied".<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss6"><sup>[6]</sup></a><br /><br />Friedrich Engels drückte in einem Brief 1883 seinen Unwillen über diese Konzeption aus:</div>
<p>&nbsp;</p>
<div class="quote">"Die Anarchisten stellen die Sache auf den Kopf. Sie
erklären, die proletarische Revolution müsse damit anfangen, dass sie
die politische Organisation des Staates abschafft. Aber die einzige
Organisation, die das Proletariat nach seinem Sieg fertig vorfindet,
ist eben der Staat... Aber diesen in einem solchen Augenblick
zerstören, das hieße den einzigen Organismus zerstören, vermittels
dessen das siegende Proletariat seine eben eroberte Macht geltend
machen, seine kapitalistischen Gegner niederhalten und diejenige
ökonomische Revolution der Gesellschaft durchsetzen kann, ohne die der
ganze Sieg enden müsste in einer neuen Niederlage und in einer
Massenabschlachtung der Arbeiter, ähnlich derjenigen nach der Pariser
Kommune".<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss7"><sup>[7]</sup></a><br /><br /></div>
<p>Im Gegensatz dazu warnten die Anarchisten - ihnen voran Bakunin - vor
den Gefahren der "Roten Bürokratie", welche sich als die "schamloseste
und schrecklichste Lüge erweisen würde, die unser Jahrhundert je
hervorgebracht hat". Der Anarchosyndikalist Fernand Pelloutier fragte:
'Muss denn auch noch die Übergangsregierung, der wir uns notwendiger-
und fatalerweise zu unterwerfen haben, ein kollektives Gefängnis sein?
Kann sie nicht als freie Organisation bestehen, die ausschließlich
durch die Notwendigkeiten der Produktion und Konsumption begrenzt ist,
und in der alle politischen Institutionen abgeschafft sind?"[8]</p>
Ich behaupte nicht, die Antwort auf diese Frage zu kennen. Aber es ist
klar, dass - falls es keine, Antwort gibt - die Chancen für eine echte,
demokratische Revolution, welche die humanistischen Ideale der Linken
verwirklicht nicht sehr groß sind. Martin Buber skizzierte das Problem
kurz und bündig, wenn er schreibt: "Hinsichtlich der Natur der Dinge
kann man von einem kleinen Baum, der in einen Prügel verwandelt worden
ist, nicht erwarten, dass er Blätter treibt". Die Frage, ob Okkupation
oder ob Zerstörung der Staatsmacht, diejenige ist, die Bakunin als
Kernproblem betrachtete, und an der er und Marx sich entzweiten.<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss9"><sup>[9]</sup></a>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In dieser oder ähnlicher Form ist während des Jahrhunderts das Problem
wiederholt aufgetaucht und hat immer wieder eine Spaltung von
libertären und autoritären Sozialisten verursacht. Trotz Bakunins
Warnungen vor der roten Bürokratie und ihrer Verwirklichung unter
Stalins Diktatur würde es offensichtlich ein grober Irrtum sein, wenn
man die Streitigkeiten des vorigen Jahrhunderts dahingehend
interpretieren wollte, dass man nun den Ansprüchen zeitgenössischer
sozialer Strömungen hinsichtlich ihres historischen Ursprungs vertrauen
sollte. Insbesondere wäre es pervers, den Bolschewismus bereits als
praktizierten Marxismus zu betrachten. Da trifft viel eher die
linksradikale Kritik am Bolschewismus zu, welche die historischen
Umstände der Russischen Revolution mit in Betracht zieht.[10]</p>
<div class="quote">"Der linke, anti- bolschewistische Flügel der
Arbeiterbewegung kritisierte die Leninisten, weil sie den Umbruch in
Russland nicht genügend für streng proletarische Ziele ausgenützt
hätten. Sie seien Gefangene der Umstände geblieben und benutzten die
internationale revolutionäre Bewegung für die spezifischen Bedürfnisse
der Sowjetunion, die bald mit den Bedürfnissen des bolschewistischen
Einparteienstaates identisch wurden. Die bürgerlichen Aspekte der
russischen Revolution wurden hier im Bolschewismus selbst entdeckt: Der
Leninismus weiche von der internationalen Sozialdemokratie nur in
taktischen Fragen ab".<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss11"><sup>[11]</sup></a><br /><br /></div>
<p>
Wenn es jemand darauf abgesehen haben sollte, einen einheitlichen
Leitgedanken innerhalb der anarchistischen Tradition zu suchen, dann
wäre das meiner Meinung nach jener - was Bakunin ausdrückt, wenn er
über die Pariser Kommune schreibt und sich folgendermaßen damit
identifiziert:</p>
<div class="quote">"Ich bin ein leidenschaftlicher Liebhaber der
Freiheit, die ich für das einzige Milieu halte, in welchem die
Intelligenz, die Würde und das Glück der Menschen sich entwickeln und
wachsen können; - nicht jener formellen, vom Staat aufgezwungenen,
zugemessenen und reglementierten Freiheit, vom Staat der ewigen Lüge,
die in Wirklichkeit nie etwas anderes vertritt als das Vorrecht
Einzelner, gegründet auf die Sklaverei anderer; - nicht jener
individualistischen, egoistischen, kleinlichen und fiktiven Freiheit,
welche die Schute J.J. Rousseaus und alte anderen Schulen des
Bourgeoiseliberalismus lobpreisen und welche das sogenannte Recht
Aller, das der Staat vertritt, als Grenze des Rechts jedes Einzelnen
betrachtet, was notwendigerweise immer das Recht des Einzelnen auf Null
reduziert. Nein, ich verstehe darunter die einzige dieses Namens
wahrhaft würdige Freiheit, diejenige, welche in der vollen Entwicklung
alter materiellen, geistigen und moralischen Kräfte besteht, die im
Zustand schlummernder Fähigkeiten jedem zu eigen sind, die Freiheit,
die keine anderen Beschränkungen kennt als die von den Gesetzen unserer
eigenen - Natur vorgeschriebenen, so dass es genaugenommen keine
Beschränkungen sind, da diese Gesetze uns nicht von einem äußeren
Gesetzgeber auferlegt sind, der neben oder über uns existiert, - sie
sind uns innewohnend und eigen, sie bilden die Grundtage unseres
Wesens, des materiellen wie des intellektuellen und moralischen; statt
also in ihnen eine Grenze zu sehen, müssen wir sie als die wahren
Bedingungen und die tatsächliche Ursache unserer Freiheit betrachten".<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss12"><sup>[12]</sup></a><br />&nbsp;</div>
Diese Ideen stammen aus der Aufklärung. Sie haben ihre Wurzeln in
Rousseaus "Discours sur lòrigine et les fondements de linègalitè parmi
les hommes ", in Humboldts " Grenzen der Wirksamkeit des Staates " und
in Kants konsequenter Verteidigung der Französischen Revolution, wonach
Freiheit die Vorraussetzung der Erwerbung der Reife zur Freiheit ist
und nicht ein Geschenk, das verlieben wird, wenn diese Reife erreicht
ist.<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss13"><sup>[13]</sup></a>
<p>&nbsp;</p>
&nbsp;
<p>&nbsp;</p>
<p>
Seit Beginn der Entwicklung zum industriellen Kapitalismus, einem neuen
unvorhergesehen System der Ungerechtigkeit, war es der liberale
Sozialismus, welcher die radikale humanistische Botschaft der
Aufklärung und die klassischen liberalen Ideen bewahrt und
weitergetragen hat, die aber bald in eine Ideologie zur
Aufrechterhaltung der neuaufstrebenden gesellschaftlichen Ordnung,
pervertiert wurde. Tatsächlich sind aufgrund eben derselben Überlegung,
die den klassischen Liberalismus dazu geführt hatte, sich dem Eingriff
des Staates in das gesellschaftliche Dasein zu widersetzen, die
gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus so unerträglich
geworden. So wendete sich z.B. Humboldt in einer Arbeit, in welcher er
Mill vorwegnimmt und ihn möglicherweise auch inspiriert, gegen alle
staatlichen Eingriffe, weil der Staat dazu neige, den Menschen zu einem
Instrument zu machen, das nur seinen, d.h. den unrechtmäßigen Absichten
des Staates diene, wobei dieser sich über die individuelle Bestimmung
des Menschen hinwegsetze... Alles was nicht dem freien Willen des
Menschen entspringe, so erklärt Humboldt, werde auch nicht in dessen
wirkliches Sein eintreten und bleibe seiner Natur fremd. Der Mensch
werde sich folglich nicht mit seiner ganzen Kräften dafür einsetzen,
sondern nur mechanisch handeln. Unter wirklich freiheitlichen
Bedingungen könnten alle Kleinbauern und alle Handwerker zu wahren
Künstlern werden, d.h. alle Menschen - wenn sie nur immer ihre
Tätigkeit um ihrer selbst willen ausübten - könnten sich dank eigener
gestalterischer Fähigkeiten und ihres Erfindungsreichtums
vervollkommnen. Dabei würden sie Verstand und Charakter immer mehr
kultivieren und das Vergnügen an der Sache verfeinern.</p>
<h3>Liberalismus und Anarchismus</h3>
<p>Wo ein Mensch lediglich auf Autorität und Forderungen von außerhalb
reagiert, können wir zwar noch anerkennen, was er tut, aber wir
verurteilen was er ist. Humboldt war kein simpler Individualist. Seine
Hauptideen fasst er folgendermaßen zusammen: "... wenn sie auch
sämtliche gesellschaftliche Fesseln sprengen würden, so würden sie doch
auf jede nur mögliche Weise versuchen, zu neuen gesellschaftlichen
Bindungen zu finden. Der isolierte Mensch ist auch nicht fähiger, sich
zu entwickeln als der gefesselte'.[14]</p>
<p>Dieses klassische Werk liberalen Denkens, das 1792 vollendet wurde, ist
in seinem Kern - wenn auch noch frühreif, so doch zutiefst
antikapitalistisch. Man müsste wider besseres Wissens viel von seinem
Inhalt abstreiche, ehe man es zu einer ideologischen Aussage des
industriellen Kapitalismus machen könnte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Vision einer Gesellschaft, in welcher gesellschaftliche Fesseln
durch gesellschaftliche Bindungen ersetzt werden und in der die Arbeit
befreit ist lässt den frühen Marx [15] vorausahnen in seiner Argumentation über die "Entfremdung der Arbeit
(welche eintritt), wenn die Arbeit ihren Zusammenbang mit der Person
des Arbeitenden verliert... und nicht mehr Teil seiner Natur ist,...
(so dass er sich selbst nicht mehr in ihr bestätigt, sondern verleugnet
sieht.. und er sich sowohl physisch als auch geistig erniedrigt
erkennt" - jene entfremdete Arbeit also, welche "den einen in eine
barbarische Arbeitsweise zurückwirft und den andern zur Maschine macht"
und dabei den Menschen seines Charakters als Spezies Mensch mit
"freier, bewusster Tätigkeit" und "schöpferischem Sein" beraubt.</p>
<p>&nbsp;</p>
Ähnlich sieht Marx auch den "neuen Typus des menschlichen Wesens, der
seinen Mitmenschen auf unentbehrliche Weise braucht... (Die
Arbeiterorganisationen) werden zur echten konstruktiven Anstrengung, um
das gesellschaftliche Gewebe zukünftiger menschlicher Beziehungen
herzustellen'.<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss16"><sup>[16]</sup></a>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zwar bekämpft das klassische libertäre Denken jeden staatlichen
Eingriff in das gesellschaftliche Leben aufgrund seines stärkeren
Anspruchs auf die freiheitliche ungehemmte Entwicklung des Menschen und
auf sein Recht auf freie Vereinigung. Vom selben Anspruch her erklären
sich aber auch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse: Dasjenige
von Lohn und Arbeit, das Wettbewerbsprinzip und die Ideologie des auf
Besitz ausgerichteten Individualismus. Alle sind sie grundsätzlich
gegen den Menschen gerichtet. Der libertäre Sozialismus muss
korrekterweise als Erbe der liberalen Ideen der Aufklärung verstanden
werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rudolf Rocker beschrieb den modernen Anarchismus als das
Zusammenfließen der zwei großen Strömungen von Sozialismus und
Liberalismus, welche auf diese Weise während der Französischen
Revolution und seither ihren charakteristischen Ausdruck im geistigen
Leben Europas gefunden haben. Und er argumentiert dass die klassischen
liberalen Ideen an den Realitäten der kapitalistisch-ökonomischen
Formen gescheitert wären. Der Anarchismus sei notwendigerweise anti-
kapitalistisch dadurch, dass er die Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen bekämpft. Aber er bekämpfe zugleich die Vorherrschaft des
Menschen über den Menschen; er beinhalte ferner, dass der Sozialismus
entweder freiheitlich sein oder überhaupt nicht sein wird. In dieser
Erkenntnis läge die echte und tiefe Rechtfertigung für das Fortbestehen
des Anarchismus. Aus dieser Sicht heraus kann der Anarchismus als der
libertäre Flügel des Sozialismus betrachtet werden. Vom gleichen Ansatz
her ist Daniel Guèrin in seinem Buch "Anarchismus" und in anderen
Arbeiten an das Studium des Anarchismus herangegangen. [17]</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>
Er zitiert Adolph Fischer, welcher sagt, dass jeder Anarchist ein
Sozialist sei, aber nicht jeder Sozialist notwendigerweise ein
Anarchist. Ähnlich legte Bakunin in seinem "Katechismus der
revolutionären Gesellschaft" von 1865/66, dem Programm seiner geplanten
internationalen revolutionären Verbrüderung den Grundsalz fest, dass
jedes Mitglied zuallererst einmal Sozialist sein müsse.</p>
<h3><strong>Aufhebung der Arbeitsteilung</strong></h3>
<p>&nbsp;</p>
Ein konsequenter Anarchist müsse gegen das Privateigentum an
Produktionsmitteln und gegen Lohnsklaverei kämpfen, beides seien
unabdingbare Komponenten dieses Systems und unvereinbar mit dem
Prinzip, dass alle Arbeit aus freien Stücken geschieht und allein der
Kontrolle des Produzierenden unterliegt. Oder wie Marx es ausdrückt:
Ein Sozialist sieht sich in Erwartung einer zukünftigen Gesellschaft,
in welcher die Arbeit "... nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst
das erste Lebensbedürfnis geworden..." <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss18"><sup>[18]</sup></a>,
was unmöglich sei, wenn der Arbeiter statt von innerem Impuls von
äußerer Autorität oder Notwendigkeit angetrieben sei: "Keine Art der
Lohnarbeit selbst wenn sie im Einzelfall erträglicher wäre, kann das
Elend der Lohnarbeit als solche leugnen'.<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss19"><sup>[19]</sup></a>
<p>
Ein konsequenter Anarchist müsse nicht nur die Entfremdung der Arbeit
bekämpfen, sondern auch die Manipulation des Menschen durch die
Arbeitsteilung, welche da einsetzt wo die Art und Weise der
fortschreitenden Produktion...</p>
<div class="quote">den Arteiter in einen Teilmenschen (verstümmeln),...
ihn zum Anhängsel der Maschine (entwürdigen),... mit der Qual seiner
Arbeit ihren Inhalt (vernichten),... ihm die geistigen Potenzen des
Arbeitsprozesses im selben Maß (entfremden), worin letzterem die
Wissenschaft als selbstständige Potenz einverleibt wird..." <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss20"><sup>[20]</sup></a><br /><br />Marx sah darin nicht eine unvermeidliche Begleiterscheinung der
Industrialisierung, sondern vielmehr einen Wesenszug der
kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Die zukünftige Gesellschaft
muss darauf bedacht sein;'... das Teilindividuum, den bloßen Träger
einer gesellschaftlichen Detailfunktion, durch das total en entwickelte
Individuum' zu ersetzen, "für welches verschiedene gesellschaftliche
Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind".[21]<br /><br />Die Voraussetzung dafür ist die Abschaffung des Kapitals und der
Lohnarbeit (ganz zu schweigen von den industriellen Armeen des
"Arbeiter- Staates sowie den verschiedenen modernen Formen des
Totalitarismus oder des Staatskapitalismus). Die Degradierung des
Menschen zu einem bloßen Zubehör der Maschinerie, zu einem
Spezialwerkzeug der Produktion könnte aufgrund der fortschreitenden
Technologisierung eher überwunden als verstärkt sein, was aber nicht
möglich ist unter den Bedingungen der diktatorischen Überwachung der
Produktion durch jene, welche den Menschen zu einem Mittel ihrer Zwecke
machen und seine individuellen Bedürfnisse missachten.<br /><br />Die Anarchosyndikalisten waren bestrebt - sogar unter kapitalistischen
Verhältnissen-, einen "freien Zusammenschluss von freien Produzenten"
zu schaffen, die sich für einen militanten Kampf aussprachen und sich
darauf vorbereiteten, auf demokratischer Basis die Organisierung der
Produktion zu übernehmen. Diese Zusammenschlüsse sollten als
"praktische Schule des Anarchismus" dienen.[22]<br /><br />Wenn - nach Proudhons oft zitiertem Ausspruch - Privateigentum an
Produktionsmitteln lediglich eine Form von "Diebstahl" ist - "die
Ausbeutung der Schwachen durch die Starken - [23],
dann schafft die Überwachung der Produktion durch eine staatliche
Bürokratie, ganz gleich, wie wohlwollend auch immer ihre Bestrebungen
sind, eben doch nicht jene Bedingungen, unter welchen die Arbeit - sei
sie manuell oder intellektuell - zum erstrebenswertesten Bedürfnis im
Dasein wird. Beides muss also überwunden werden.</div>
<p>&nbsp;</p>
In seinen, Angriff gegen die Berechtigung privater oder bürokratischer
Kontrolle der Produktionsmittel nimmt der Anarchist die gleiche
Position ein wie jene, welche darum kämpfen, dass die "drille und
emanzipatorische Phase der Geschichte" sich erfüllt: Die erste Phase
hatte Sklaven zu Leibeigenen gemacht, die zweite hatte aus den
Leibeigenen Lohnarbeiter gemacht, und erst die dritte schafft in einem
abschließenden Befreiungsakt das Proletariat ab, welches nunmehr die
Kontrolle über die Wirtschaft in die Hände freier und freiwilliger
Zusammenschlüsse der eigentlichen Produzenten legt (Fourier, 1848) <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss24"><sup>[24]</sup></a>
<p>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bereits 1848 wurde die der "Zivilisation" drohende Gefahr durch den aufmerksam beobachtenden Tocqueville bemerkt:</p>
<div class="quote">"Solange das Recht auf Besitz der Ursprung und die
Grundlage vieler anderer Rechte war, war es unschwer zu verteidigen -
oder vielmehr wurde es nicht angegriffen; es war somit die Burgfeste
der Gesellschaft, während die anderen Rechte ihre Außenbastionen waren.
Dieses Recht war nie dem Hauptstoß des Gegners ausgesetzt und
tatsächlich gab es auch keinen ernsthaften Versuch, es zu stürzen. Aber
heute, wo das Recht auf Besitz als letztes unzerstörtes Überbleibsel
aus der Welt der Aristokratie betrachtet werden muss, wo es auf
einsamen Posten verlassen dasteht als übriggebliebenes Privileg in
einer egalisierten Gesellschaft, da ist das eine andere Sache. Man
sollte bedenken, was sich in den Köpfen der Werktätigen ereignet,
obgleich ich zugeben muss, dass sie sich so ruhig wie eh und je
verhalten. Zwar sind sie, genau gesagt, politisch weniger
leidenschaftlich als früher: Aber seht ihr nicht, dass ihre vom
Politischen so distanzierten Leidenschaften nunmehr gesellschaftlicher
Natur sind? Seht ihr nicht, dass ihre Vorstellungen und Meinungen mehr
und mehr unter ihnen Verbreitung finden, wobei als Ziel nicht bloß die
Beseitigung dieser oder jener Gesetze, oder eines Ministeriums oder
einer Regierung zu gelten bat, sondern der vollkommene Abbruch der
Grundfesten der Gesellschaft selbst?"<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss25"><sup>[25]</sup></a><br /><br />Die Pariser Arbeiter durchbrachen 1871 die Stille und gingen daran, "... das Eigentum, die Grundlage aller Zivilisation,
abzuschaffen Jawohl meine Herren, die Kommune wollte jenes
Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum
der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner.
Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem
sie die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor
allem die Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloße
Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt" <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss26"><sup>[26]</sup></a><br /><br />Die Kommune brach bekanntlich blutig zusammen. Der wahre Charakter der
"Zivilisation", wie ihn die Pariser Arbeiter mit ihrem Angriff auf die
"eigentlichen Grundlagen der Gesellschaft selbst" zu besiegen
trachteten, wurde noch ein zweites Mal entlarvt, als die Versailler
Regierungstruppen Paris gegen die Bevölkerung zurückeroberten. So
schildert Marx es, bitter und in aller Genauigkeit:<br /><br />"Die Zivilisation und Gerechtigkeit der
Bourgeois-Ordnung tritt hervor in ihrem wahren, gewitterschwangeren
Licht, sobald die Sklaven in dieser Ordnung sich gegen ihre Herren
empören. Dann stellt sich diese Zivilisation und Gerechtigkeit dar als
unverhüllte Wildheit und gesetzlose Rache... Die höllischen Taten der
Soldateska (strahlen) den eingeborenen Geist jener Zivilisation
(zurück), deren gemietete Vorkämpfer und Rächer sie sind. - Die
Bourgeoisie der ganzen Welt sieht der Massenschlächterei nach der
Schlacht wohlgefällig zu, aber sie entsetzt sich über die Entweihung
von Dach und Fach". <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss27"><sup>[27]</sup></a></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>
Trotz der gewaltsamen Vernichtung der Kommune schrieb Bakunin, dass
Paris ein neues Weltalter eröffne, "dasjenige der endgültigen und
vollkommenen Befreiung der Volksmassen und das ihrer zukünftigen
Solidarität, entgegen und trotz aller staatlichen Einengungen. Die
nächste Erhebung der Menschen wird international und in Solidarität
aller die Wiedererstehung von Paris sein" - eine Revolution, auf die
die Welt noch immer wartet.</p>
<h3><strong>Radikaler Marxismus und konsequenter Anarchismus</strong></h3>
<p>
Der konsequente Anarchist muss demnach Sozialist sein - aber ein
Sozialist besonderer Art. Er wird nicht nur die entfremdete und die
spezialisierte Arbeit bekämpfen, und auf die Aneignung des Kapitals
durch die gesamte Arbeiterschaft hinarbeiten, sondern er wird
konsequent verlangen, dass diese Aneignung eine unvermittelte sei und
nicht von einer Elite im Namen des Proletariats durchgeführt wird, d.h.:</p>
<div class="quote">"Es ist die Aufgabe der Arbeiterklasse, sich von der
Ausbeutung zu befreien. Dieses Ziel wird und kann nicht durch eine neue
Führungsgruppe, welche die Bourgeoisie ersetzt, erreicht werden. Dies
kann nur dadurch erreicht werden, dass die Arbeiter selbst Herren über
die Produktion werden. "Arbeiter als Herren der Produktion" drückt an
erster Stelle aus, dass in jeder Fabrik, in jedem Unternehmen die
Organisation der Arbeit das Werk der Arbeiter sein muss. Anstatt durch
einen Direktor und dessen Aufpasser reglementiert zu werden, werden die
Produktionsabläufe durch die Gesamtheit der Arbeiter bestimmt. Diese,
alle Arbeiter, Spezialisten, Techniker umfassende Gesamtheit also alle
die an der Produktion teilnehmen, bestimmt in Versammlungen über alles,
was sie bei der gemeinsamen Arbeit betrifft. Diejenigen die eine Arbeit
erfolgreich durchführen sollen, müssen auch über sie die Leitung haben,
die Verantwortung übernehmen in den Grenzen der Gesamtheit." <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss28"><sup>[28]</sup></a><br /><br /></div>
<p>
Dieses Zitat ist entnommen aus den "Fünf Thesen über den Kampf der
Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus' von dem holländischen
linksextremen Marxisten Anton Pannekoek, einer der hervorragendsten
Theoretiker der Rätekommunistischen Bewegung. Und in der Tat geht
radikaler Marxismus immer einher mit marxistischen Strömungen.</p>
<p>Als weitere Erläuterung wäre die folgende Charakterisierung des "revolutionären Sozialismus" zu betrachten:</p>
<div class="quote">"Der revolutionäre Sozialist verneint, dass
Staatseigentum zu irgend etwas anderem führen kann als zu
bürokratischem Despotismus. Wir haben es erfahren, weshalb der Staat
keine demokratische Kontrolle in der Industrie gewährleisten kann. Die
Wirtschaft kann nur demokratisch reguliert und demokratisch
kontrolliert sein, wenn die Arbeiter in direkter Wahl aus ihren eigenen
Reihen industrielle Verwaltungsausschüsse wählen. Der Sozialismus
versteht sich grundsätzlich als industrielles System. Seine Wahlbezirke
haben Industriecharakter. Daher werden diejenigen, welche die
industriellen und gesellschaftlichen Angelegenheiten leiten,
unmittelbar in den örtlichen und zentralen Räten der
(gesellschaftlichen) Verwaltung vertreten sein. So müssen die
Befugnisse dieser Delegierten von unten her, d.h. von denen kommen,
welche die Arbeit ausführen und welche die Bedürfnisse der Gesamtheit
kennen. Wenn dieses zentrale industrielle Verwaltungskomitee
zusammentritt, ist es repräsentativ für die jeweilige Phase
gesellschaftlicher Aktivität. Von daher wird also im Sozialismus der
kapitalistische Staat - sei er politisch oder geographisch verstanden -
durch industrielle Verwaltungskomitees abgelöst. Der Übergang von einem
zum anderen Gesellschaftssystem ist die Soziale Revolution. Der
politische Staat der ganzen bisherigen Geschichte verstand sich als die
Verwaltung von Menschen durch die herrschenden Klassen; die
sozialistische Republik bedeutet die Verwaltung der Industrie zu
Gunsten der Gesamtheit der Menschen. Der erstere beinhaltete die
ökonomische und politische Unterwerfung von Vielen, die letztere
bedeutet die ökonomische Freiheit für Alle- und deshalb ist die
wirkliche Demokratie."<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss29"><sup>[29]</sup></a><br /><br />Diese Gedanken von William Paul sind Anfang 1917 geschrieben worden,
kurz vor Lenins "Staat und Revolution" - möglicherweise stellen sie
seine freiheitlichste Schrift dar (siehe auch Fussnote 8). Paul war
Mitglied der "Marxist - De Leonist Socialist Labor Party und später
einer der Gründer der britischen Kommunistischen Partei. [30]</div>
<p>&nbsp;</p>
<p>Seine Kritik am Staatssozialismus ähnelt der libertären Doktrin der
Anarchisten in dem Punkt, der besagt, dass die gesellschaftliche
Revolution das zum demokratischen Despotismus führende staatliche
Eigentum und die staatliche Verwaltung durch eine industrielle
Wirtschaftsorganisation ersetzen müsse mit einer direkten Kontrolle
durch die Werktätigen. Viele ähnliche Aussagen ließen sich hier noch
anführen. Aber weitaus wichtiger ist es, dass diese Ideen bereits in
spontanen revolutionären Aktionen verwirklicht worden sind, so z.B. in
Deutschland und Italien nach dem ersten Weltkrieg und 1936 in Spanien [31] - besonders in der Industriestadt Barcelona. Man könnte sagen, dass die
Form des Rätesystems etwa die natürliche Form des revolutionären
Sozialismus in einer Industriegesellschaft darstelle. Darin spiegelt
sich die intuitive Erkenntnis wider, dass Demokratie da, wo das
industrielle Systern von irgendeiner Art autokratischer Elite
kontrolliert wird, ganz gleich, ob es sich um Privateigentümer, Manager
und Technokraten oder um eine "Avantgarde" - Partei oder die staatliche
Bürokratie handelt, meistenteils ein Vorwand ist. Unter solchen
Bedingungen autoritärer Herrschaft können die klassischen libertären
Ideale, wie Marx und Bakunin und alle anderen wahren Revolutionäre sie
weiterentwickelt haben, nicht sich um Privateigentümer, Manager und
Technokraten oder um eine "Avantgarde" - Partei oder die staatliche
Bürokratie handelt, meistenteils ein Vorwand ist. Unter solchen
Bedingungen autoritärer Herrschaft können die klassischen libertären
Ideale, wie Marx und Bakunin und alle anderen wahren Revolutionäre sie
weiterentwickelt haben, nicht verwirklicht werden; der Mensch wird dann
nicht die Freiheit haben, seine eigenen Möglichkeiten voll zu
entwickeln und der Produzierende wird nichts als das "Fragment eines
menschlichen Wesens bleiben, er wird degradiert sein, ein Werkzeug des
von oben her gelenkten Produktionsprozesses. Der Ausspruch "spontane
revolutionäre Aktion" kann irreführend sein besonders zu einer Zeit, in
der nichts als ein loses Gerede von "Spontanität" und gleicher weise
von "Revolution" stattfindet. Die Anarchosyndikalisten nahmen zumindest
Bakunins Bemerkung sehr ernst, dass die "Arbeiterorganisationen nicht
nur die Ideen, sondern auch. die Fakten der Zukunft" schon in der
vorrevolutionären Periode erschaffen müssten. Die Errungenschaften der
vom spanischen Volk getragenen Revolution lassen sich insbesondere auf
die geduldige und jahrelange organisatorische und erzieherische Arbeit
zurückzuführen, welche nur eine Komponente einer langen Tradition der
Verbundenheit und Kampfbereitschaft ist. Die Resolutionen des
Kongresses von Madrid im Juni 1931 und von Saragossa im Mai 1936
kündeten in vielerlei Weise die Taten der Revolution an, wie es schon
auf andere Art die Ideen Santillàns (siebe Fussnote 4) in seiner recht
einschlägigen Darstellung der sozialen und ökonomischen Verwaltung
vorgezeichnet haben, deren Errichtung Aufgabe der Revolution ist.<br /><br />Guèrin schreibt: "Über die Spanische Revolution gab es in den Köpfen
der libertären Denker und auch im öffentlichen Bewusstsein relativ
ausgereifte Vorstellungen." Und die Arbeiterorganisationen lebten schon
ganz für Bewusstsein ihrer Strukturen, ihrer Erfahrung und ihres
Einblicks, um die Aufgabe des Neuaufbaues der Gesellschaft übernehmen
zu können, als - durch den Francoputsch - die Unruhen des beginnenden
Jahres 1936 in eine Gesellschaftsrevolution umschlugen. Der Anarchist
Augustin Souchy schreibt in seiner Einleitung zu einer Sammlung von
Dokumenten über die Kollektivierung in Spanien:</p>
<div class="quote">Seit langen Jahren betrachteten es die spanischen
Anarchisten und Syndikalisten als ihre höchste Aufgabe, die Träger der
sozialen Umwälzung zu sein. Das Problem wurde in ihren Syndikats- und
Gruppenversammlungen, in ihren Zeitschriften, Broschüren und Büchern
unaufhörlich und systematisch diskutiert. <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss32"><sup>[32]</sup></a><br /><br />All diese Dinge sind Folgen der spontanen Errungenschaften und der konstruktiven Arbeit der Spanischen Revolution.<br /><br /></div>
Die Idee des libertären Sozialismus in dem beschriebenen Sinne, ist in
den industriellen Gesellschaften, in der letzten Hälfte des vergangenen
Jahrhunderts, untergegangen. Die dominanten Ideologien waren die des
Staatssozialismus und Staatskapitalismus (der in den USA, aus Gründen
die offen auf der Hand liegen, zunehmend militaristische Züge trägt). <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss33"><sup>[33]</sup></a>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
In den allerletzten Jahren ist jedoch ein neues Interesse erwacht. Die
Thesen von Anton Pannekoek, wie ich sie zitiert habe, sind der kürzlich
erschienen Streitschrift einer Gruppe radikaler französischer Arbeiter
entnommen (Information Correspondence Ouvriere). Das Zitat aus William
Paul über den revolutionären Sozialismus erscheint in einem Papier von
Walter Kendall anlässlich der "National Conference on Workers Control"
in Sheffield in England, März 1969. Die "Workers Control Movement" ist
in den letzten paar Jahren zu einer bedeutsamen Kraft in England
geworden. Sie hat verschiedene Konferenzen einberufen und eine
beträchtliche Literatur an Streitschriften produziert. Sie wählt
Anhänger aus ihren Reihen als Vertreter für einige der wichtigsten
Gewerkschaften. Zum Beispiel hat die "Amalgated Engineering and
Foundryworkers Union" als offizielle Politik das Programm der
Grundindustrien unter "Workers Control at all Levels" übernommen. <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss34"><sup>[34]</sup></a>
<p>&nbsp;</p>
<p>
Auf dem Kontinent gibt es ähnliche Entwicklungen. Besonders bat der Mai
68 das wachsende Interesse am Rätekommunismus und verwandten Ideen in
Frankreich und Deutschland gefördert, und das gilt auch für England.</p>
<p>Wenn man das als durchweg konservativ zu verstehende Ensemble unserer
ideologisch festgelegten Gesellschaft als gegeben nimmt, ist es nicht
verwunderlich, dass gerade die Vereinigten Staaten von dieser
Entwicklung unberührt geblieben sind. Aber selbst das kann sich ändern.
Die Aufweichung der Legende vom Kalten Krieg macht es zumindest
möglich, in verhältnismäßig weiten Kreisen diese Frage zu erörtern.
Wenn die gegenwärtige Welle der Repression abgeschwächt werden kann,
wenn die Linke über ihre eher selbstmörderischen Tendenzen hinwegkommen
kann und auf dem aufbaut, was im letzten Jahrzehnt erreicht worden ist,
dann kann das Problem, wie eine Industriegesellschaft auf wirklich
demokratische Art mit demokratischer Kontrolle des Arbeitsplatzes und
der Gemeinden organisiert werden kann, zu einem vorrangigen
intellektuellen Ausgangspunkt für diejenigen werden, die den Fragen der
gegenwärtigen Gesellschaft aufgeschlossen gegenüber stehen, und falls
sich eine breite Bewegung für einen libertären Sozialismus entwickelt,
kann die bloße Spekulation zur Aktion hin fortschreiten. Bakunin sagte
in seinem Katechismus 1865 voraus, ein Element der sozialen Revolution
werde es sein, "dass intelligente und qualifizierte Teile der
Jugendlichen - obgleich sie aufgrund ihrer Geburt zu den privilegierten
Klassen gehörten, diejenigen sein werden, die aus freier Überzeugung
und von einem enthusiastischen Wunsch erfüllt, sich der Sache der
breiten Massen annehmen werden." Vielleicht ist in der
Studentenbewegung der 60er Jahre der Beginn der Erfüllung dieser
Voraussage zu erkennen. In seinem Buch "Anarchismus" hat Daniel Guèrin
aufgegriffen, was er an anderer Stelle als "Rehabilitationsprozess"
beschreibt. Er sagt, er sei überzeugt, dass die konstruktiven Ideen des
Anarchismus ihre Lebenskraft zurückerhalten, dass sie, wenn sie
überprüft und geläutert seien, das moderne sozialistische Denken in
seinem erneuten Aufbruch unterstützen... (und) zur Bereicherung des
Marxismus beitragen. <a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss35"><sup>[35]</sup></a>
Was den "breiten Rücken des Anarchismus" betrifft so habe er dazu aus
Gründen sorgfältigerer Untersuchung jene Ideen und Aktionen ausgewählt,
die man libertär - sozialistisch nennen kann. Das ist natürlich und
gerechtfertigt. Dieses Rahmenwerk bat sowohl Raum für den erfahrenen
Wortführer des Anarchismus als auch für jene Massenaktionen, welche in
anarchistischen Überzeugungen und Vorstellungen ihren Ursprung haben.
Guerin befasst sich nicht nur mit anarchistischer Theorie, sondern auch
mit spontanen Aktionen der breiten Massen, welche im Rahmen des
revolutionären Kampfes neue soziale Modelle hervorbringen. Er befasst
sich sowohl mit gesellschaftlicher als auch mit individueller
Kreativität. Darüber hinaus versucht er, aus den positiven
Errungenschaften der Vergangenheit Lehren zu ziehen, welche die Theorie
der Befreiung der Gesellschaft bereichern. Für all diejenigen, welche
die Welt nicht nur interpretieren, sondern verändern wollen, ist das
Studium der Geschichte des Anarchismus der angemessenste Weg. Guèrin
charakterisiert den Anarchismus des 19. Jahrhunderts als vom Wesen her
lehrhaft während das 20. Jahrhundert für die Anarchisten ein Zeitalter
revolutionärer Praxis sei. [36]</p>
<p>
Das vorliegende Werk überprüft dieses Urteil. Seine Interpretation des
Anarchismus weist ganz bewusst in die Zukunft. Arthur Rosenberg zeigte
einmal auf, dass Volksaufstände auf charakteristische Weise danach
trachten, "eine feudale oder zentralistische Gewaltherrschaft" durch
eine Art kommunales System zu ersetzen, welches den "Abbau und die
Auflösung der bisherigen Staatsform" mit sich bringt. Ein solches
System wird entweder sozialistisch sein, oder es wird eine "extreme
Form der Demokratie..." darstellen, welche die Vorausbedingung für den
Sozialismus ist, insofern als der Sozialismus nur in einer Welt
verwirklicht werden kann, die sich des höchstmöglichen Maßes
individueller Freiheit erfreut." Dieses Ideal ist, wie er bemerkt
bezeichnend für Marx und die Anarchisten. Der natürliche Kampf für die
Befreiung geht gegen die herrschenden Tendenzen der Zentralisierung des
wirtschaftlichen und politischen Lebens an. Vor einem Jahrhundert
schrieb Marx, dass 'die große Masse der Pariser Mittelklasse -
Kleinhändler, Handwerker, Kaufleute - die reichen Kapitalisten allein
ausgenommen... fühlte, dass es nur noch eine. Wahl gab: Die Kommune
oder das Kaisertum, gleichviel unter welchem Namen.</p>
<div class="quote">"Das Kaisertum hatte diese Mittelklasse ökonomisch
ruiniert durch seine Verschleuderung des öffentlichen Reichtums, durch
den von ihm großgezogenen Finanzschwindel, durch seine Beihilfe zur
künstlich beschleunigten Zentralisation des Kapitals und die dadurch
bedingte Enteignung eines großen Teils dieser Mittelklasse. Es hatte
sie politisch unterdrückt sie sittlich entrüstet durch seine Orgien, es
hatte ihren Voltairianismus beleidigt durch Überlieferung der Erziehung
ihrer Kinder an die unwissenden Brüderlein' (Tieres Ignoranlins, siehe
Bemerkung 336 im Marxzitat), es halte ihr Nationalgefühl als Franzosen
empört, indem er sie kopfüber in einen Krieg stürzte, der für alle die
Verwüstung, die er anrichtete, nur einen Ersatz ließ - die Vernichtung,
des Kaisertums:'"<a href="http://chomskyarchiv.de/artikel.php?id=36#fuss38"><sup>[38]</sup></a><br /><br />Das miserable Zweite Kaiserreich "war die Regierungsform, die die
einzig mögliche zu jener Zeit darstellte, als die Bourgeoisie bereits
verloren hatte und die Arbeiterklasse noch nicht die Fähigkeiten besaß,
die Nation zu regieren."<br />&nbsp;</div>
<p>
Es ist nicht sehr schwierig, diese Aussagen so umzuformulieren, dass
sie auch auf die imperialistischen Systeme von 1970 angewendet werden
können. Das Problem der "Befreiung des Menschen von dem Fluch der
ökonomischen Ausbeutung und der politischen und gesellschaftlichen
Versklavung" bleibt das Problem unsere, Tage. Solange das so ist, muss
die Lehre und ritt, revolutionäre Praxis des libertären Sozialismus als
Anregung und als Leitfaden dienen.</p>
<h3>Anmerkungen:&nbsp;</h3>
<a name="fuss1">[1] </a>Ocave Mirbeau Zitat aus: ja mes toll, Die Anarchisten, Ullstem Vlg. L969
<a name="fuss2"><br />[2] </a>
<p>erschienen in Suhrkamp Edition, Frankfurt 1969</p>
<a name="fuss3">[3]</a> Rudolf Rocker, Anarchosyndicalism, Secker und Warburg 1938<a name="fuss4"><br />[4] </a>
<p>derselbe</p>
<a name="fuss5">[5] </a>Rudolf Rocker, Prinzipienerklärung des Svndikalismus, in: Arleiterselbslverwaltung - Räte - Syndikalismus S. 1L, Berlin 1973
<a name="fuss6">[6]</a>
<p> "After the Revolution", New York, Greenberg L937.</p>
<p>
Im letzten Kapitel, das geschrieben wurde nachdem die Revolution
bereits einige Monate andauerte, drückt er sein Unbehagen darüber aus,
was in dieser Richtung bisher erreicht wurde. Obgleich dieser
Gegenstand noch einer sorgfältigen Überprüfung, bedarf, scheint mir
doch, dass die Ergebnisse bis jetzt beeindruckend sind.</p>
<a name="fuss7">[7] </a>
<p>Marx/Engels, Ausgewählte Briefe, Engels an van Patten, 18. April 1883, S.433, Dietz Verlag Berlin 1953</p>
<a name="fuss8">[8] </a>Nach JolL Die eigentliche Quelle ist: "L
Anarchisme et ]es Syndicats Ouvriers", Los Temps Nouveaux, 1895. Der
gesamte Text ist erschienen in : Daniel Guèrin (Hrsg.:) "Ni Dieu, ni
Maitre Lausanne, "Le Citè Editeur", ohne Datum, eine ausgezeichnete
historische Anthologie des Anarchismus
<a name="fuss9">[9]</a>
<p> Marx sah die Sache natürlich aus völlig anderer
Sicht. Zur Frage der Auswirkung der Pariser Kommune auf diesen Streit
vergleiche Daniel Guerins Kommentare in "Ni Dieu, ni Mattre'"; diese
erschienen auch etwas erweitert in seiner Schrift "Tour une Marxisme
libertaire", Robert Laffont, Paris 1969</p>
<a name="fuss10">[10]</a>
<p> Zu Lenins "intellektueller Abweichung von der
Linken im Jahr L917 vergleiche: Robert Daniels, Das Gewissen der
Revolution. Kommunistische Opposition in Sowjetrussland, Kiepenheuer
&amp; Witsch</p>
<a name="fuss11">[11]</a>
<p> Paul Mattick: Marx und Kevnes, Frankfurt 1971, S. 305</p>
<a name="fuss12">[12]</a>
<p> Michael Bakunin: Die Kommune von Paris und
der Staatsbegriff, in: Gott und der Staat, S. 193/193, Rowohlt, Texte
des Sozialismus und Anarchismus 1969</p>
<a name="fuss13">[13]</a>
<p> Bakunins abschließendes Urteil zu den
Gesetzmäßigkeiten der Natur des Individuums als der Bedingung der
Freiheit könnte mit jener Auffassung kreativen Denkens verglichen
werden, wie es die rationalistische und romantische Tradition
entwickelt hat. Vergleiche Noam Chomsky: Cartesianische Linguistik,
Niemever, Tübingen 1971 und Sprache und Geist, Suhrkamp, Frankfurt 1970</p>
<a name="fuss14">[14]</a>
<p> Neuauflage der Cambridge University Press, in engl. Übersetzung von 1969, hrsg. Und mit einer Einführung von J.W. Burrow</p>
<a name="fuss15">[15]</a>
<p> Die Verwandtschaft zu Marx wird schon von Burrosw bemerkt vergleiche auch Chomsky Cartesianische Linguistik s.o.</p>
<a name="fuss16">[16]</a>
<p> Shlomo Avineri: "The Social and Political
Thought of Karl Marx", Cambridge 1968, bezieht sich auf Textstellen in
der "Heiligen Familie", L845</p>
<p>
Avineri meint, dass innerhalb der sozialistischen Bewegung lediglich
der Kibuzzim "erkannt habe, dass' die Praktiken und Formen
gegenwärtiger sozialer Gruppen die Struktur einer zukünftigen
Gesellschaft bestimmen können." Dies stellt jedoch eine
charakteristische Einstellung des Anarchoyndikalismus dar, wie bereits
erwähnt.</p>
<a name="fuss17">[17]</a>
<p> Zusätzlich zu den bereits zitierten Arbeiten
siehe auch: "Jeunesse du socialisme lilertaire", Paris, Libraine Marcel
Rivière 1959</p>
<a name="fuss18">[18]</a>
<p> in: "Kritik des Gothaer Programms', zitiert nach Marx/Engels ausgewählte Schriften in 2 Bänden, Band 2, S. 17</p>
<a name="fuss19">[19]</a>
<p> "Grundrisse der Kritik der Politischen
Ökonomie", angeführt von Mattick, a.a.o.; vergleiche auch Matticks
kürzlich erschienen Essay "Workers Control" in E. L eng: 'The New
Leff', Porter-Sargent und Avineri, a.a.o.</p>
<a name="fuss20">[20]</a>
<p> Karl klare, Das Kapital Band 1, MEW Band 23,
S. 674 Robert Tu-cker zitiert diese Stelle und er betont mit Recht,
dass Marx im Revolutionär eher den "enttäuschten Produzenten" als den
"unbefriedigten Konsumenten" sieht (Die Marman Revoluhonary Idea).
Diese radikalere Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse
ist eine unmittelbare Konsequenz des liberalen Gedankenguts der
Aufklärung.</p>
<a name="fuss21">[21]</a>
<p> Karl Marx, Das Kapital Band 1, a.a.o., S. 512</p>
<a name="fuss22">[22]</a>
<p> Pelloutier, a.a.n.</p>
<a name="fuss23">[23]</a>
<p> "Qu est-ce que la Pro prietet "; Marx mißfiel
der Satz " Eigentum ist Diebstahl ", weil er in seiner Anwendung ein
logisches Problem sah. Der Begriff Diebstahl setzt die legitime
Existenz von Eigentum woraus. Siehe Avineri, a.a.o.</p>
<a name="fuss24">[24]</a>
<p> Zitat aus Bubers "Pfade in Utopia", Hegner Vlg. Köln L961</p>
<a name="fuss25">[25]</a>
<p> Zitiert bei: J. Hampden Jackson: Marx, Proudhon and European Socialism, Collier L962</p>
<a name="fuss26">[26]</a>
<p> Marx/Engels: Ausgewählte Schriften, Band d, S. 504 und 506</p>
<a name="fuss27">[27]</a>
<p> Marx: Bürgerkrieg in Frankreich, Marx/Engels
Ausgewählte Schriften Band 1, S. 491, Dieb Vlg. Berlin 1963. Avineri
bemerkte, dass diese und andere Kommentare von Marx zur Kommune sich
direkt auf Absichten und Pläne beziehen; wie Marx es im übrigen
kundtat, war</p>
<p>
seine wohlüberlegte Einschätzung viel kritischer als in 1'</p>
<p>
u dieser Schrift.</p>
<a name="fuss28">[28]</a>
<p> s. Anton Panne . koek: 5 Thesen über den
Kampf der :1r bellerklase gegen den Kapitalismus, in: Partei und
Revolution, 5. 79, Berlin 1971</p>
<a name="fuss29">[29]</a>
<p> William Paul: The State, ist Origin and Function, Glagow, Socialist LabourPress</p>
<a name="fuss30">[30]</a>
<p> zur näheren Information, siehe Walter
Kendall: The Revolulionary Movement in Britin, Weidenfeld and Nicolson
1969 (3L) siehe Norm Chomsky:Objeklivität und liberales Gelehrtentum,
in: Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen, S. 59 ff., Edition
Suhrkamp 1971</p>
<a name="fuss32">[32]</a>
<p> Collectivisations i' 'Oeuvre construdive de
la Revolution Espagnole, Edition. CNT Toulouse 1965. Erstausgabe
Barcelona L937, dt. Ausgabe: Die Soziale Revolution in Spanien.
Kollektivierung der Industrie und Landwirtschaft 1936-1939, Berlin 1974</p>
<a name="fuss33">[33]</a>
<p> Als Diskussionsgrundlage, siehe: Michael
Kidron Western Capitalism seine the War, Weidenfeld and Nicolson 1968
(34) siehe Flug h Sc anIon: "The Wav Forward for Workers Control",
Institute for Workers Control, Nottingham. Paniplilet Series No. 1,
1968. Scanlon ist der Präsident der AEF. Das Institut wurde als
Ergebnis der 6. Konferenz der "Workers Control" im März 1968
eingerichtet und diente als Zentrum für die Herausgabe von Info
Information und unterstützender Forschung.</p>
<a name="fuss35">[35]</a>
<p> siehe: Einführung zu "Ni Dieu, ni Mutres', a.a.o.</p>
<a name="fuss36">[36]</a>
<p> ebd.</p>
<a name="fuss37">[37]</a>
<p> Arthur Rosenberg: Die Geschichte des Bolschewismus, Frankfurt 1966</p>
<a name="fuss38">[38]</a> Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich,
Marx/Engels, Ausgewählte Schriften Band L, S.492/493, Dietz Verlag
Berlin 1970]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>admin</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    
      <dc:subject>Anarchismus</dc:subject>
    
    <dc:date>2007-09-27T09:58:41Z</dc:date>
    <dc:type>Seite</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://chomskyarchiv.de/interviews/anarchismus-marxismus-und-hoffnungen-fur-die">
    <title>Anarchismus, Marxismus und Hoffnungen für die Zukunft</title>
    <link>http://chomskyarchiv.de/interviews/anarchismus-marxismus-und-hoffnungen-fur-die</link>
    <description>Interview mit Kevin Doyle für die Zeitschrift Red &amp; Black Revolution vom 28.06.2004</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[
<h3>Noam, du bist ja jetzt schon seit vielen Jahren ein Verfechter der
anarchistische Idee. Viele Leute kennen die Einführung, die du 1970 für
Daniel Guerins Buch Anarchismus geschrieben hast, aber auch in letzter
Zeit, zum Beispiel in dem Film Manufacturing Consent, hast du die
Gelegenheit ergriffen, das Potential des Anarchismus und der
anarchistischen Idee erneut hervorzuheben. Was findest du am
Anarchismus so attraktiv?</h3>
<p>
Ich habe mich schon als Teenager zum Anarchismus hingezogen gefühlt,
nämlich sobald ich einmal angefangen hatte, wirklich gründlich über die
Welt nachzudenken, und ich habe seither keinen überzeugenden Grund
gefunden, von der Einstellung, die ich mir damals zu eigen machte,
abzugehen. Es ist meines Erachtens vollkommen richtig, in jedem Aspekt
des Lebens die jeweiligen autoritären, hierarchischen und
herrschaftsbestimmten Strukturen ausfindig zu machen und klar zu
umreißen, und dann zu fragen, ob sie notwendig sind; wenn es keine
spezielle Rechtfertigung für sie gibt, sind sie illegitim und sollten
beseitigt werden, um den Spielraum der menschlichen Freiheit zu
erweitern. Dazu gehören Bereiche wie politische Macht, Besitz und
Management, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sowie Kindern
und ihren Eltern, ferner auch unsere Verantwortung für das Schicksal
zukünftiger Generationen (die meiner Ansicht nach den grundlegenden
moralischen Imperativ darstellt, der hinter der Umweltbewegung steht)
und vieles andere. Natürlich werden damit mächtige Institutionen, die
Zwang und Kontrolle ausüben, in Frage gestellt: der Staat, die keiner
Rechenschaftspflicht unterliegenden privaten Tyranneien, die den
größten Teil der einheimischen und internationalen Wirtschaft
kontrollieren, und andere, ähnliche Institutionen. Und nicht nur sie
allein. Genau das habe ich immer als die Essenz des Anarchismus
verstanden: die Überzeugung, daß die Existenzberechtigung autoritärer
Strukturen erst einmal nachgewiesen werden muß, und daß diese
Strukturen beseitigt werden sollten, wenn ein solcher Nachweis nicht
erbracht werden kann. Manchmal ist dieser Nachweis durchaus möglich.
Wenn ich mit meinen Enkeln einen Spaziergang mache und sie auf eine
verkehrsreiche Straße rennen, werde ich nicht nur meine Autorität,
sondern auch physischen Zwang geltend machen, um sie daran zu hindern.
Auch das sollte man in Frage stellen, aber ich denke, daß mein Handeln
hier nicht schwer zu rechtfertigen ist. Es gibt sicher noch weitere
Fälle, da das menschliche Leben sehr komplex ist. Wir haben sehr wenig
Ahnung vom Wesen des Men­schen oder der Gesellschaft, und pompöse
Behauptungen, dem sei ganz anders, sind im allgemeinen eher schädlich
als nützlich. Aber die eben skizzierte Herangehensweise ist meiner
Ansicht nach durchaus legitim und führt oft ein großes Stück weiter. Um
diese allgemeinen Gesichtspunkte in die Praxis umzusetzen, müssen wir
uns mit dem jeweiligen Einzelfall beschäftigen, wo sich dann die Frage
menschlicher Interessen und Bedürfnisse konkret stellt.</p>
<h3>Deine Ideen und deine Kritik sind heute sicherlich bekannter denn
je. Darüber hinaus genießen deine Ansichten weithin Respekt. Wie wird
deine Unterstützung für den Anarchismus in diesem Zusammenhang
aufgenommen? Besonders interessiert mich, wie Leute auf dich reagieren,
die gerade erst angefangen haben, sich mit Politik zu beschäftigen und
vielleicht in diesem Rahmen auf die Ansichten stoßen, die du
vertrittst. Sind sie überrascht, wenn sie hören, daß du für den
Anarchismus eintrittst? Regt sie das an, sich ebenfalls damit zu
befassen?</h3>
<p>
Du weißt ja, daß die bei uns herrschende intellektuelle Kultur
„Anarchismus” mit Chaos, Gewalttätigkeit, Bomben, Zerrüttung und
ähnlichem in Verbindung bringt. Also sind viele Leute über­rascht, wenn
ich mich positiv über den Anarchismus äußere und mich mit wichtigen
anarchistischen Traditionslinien identifiziere. Aber ich habe den
Eindruck, daß die Masse der Bevölkerung die Grundideen des Anarchismus
durchaus als vernünftig betrachtet, sobald die Mißverständnisse darüber
erst einmal aus dem Weg ge­räumt sind. Wenn wir uns spezifischen
Problemen zuwenden wie etwa der Form der Familie oder der Frage, wie
die Wirtschaft in einer freieren und gerechteren Gesellschaft
organisiert sein sollte, gibt es darüber natürlich alle möglichen,
keineswegs einheitlichen Meinungen. Aber das ist ja ganz normal.
Schließlich kann auch die Physik selbst so einfache Dinge wie zum
Beispiel einen Wasserstrahl, der aus dem Wasserhahn in den Ausguss
fließt, nicht wirklich erklären. Wenn wir uns dann den weitaus
komplexeren Fragen zuwenden, die für das menschliche Zusammenleben
wichtig sind, stellen wir fest, daß wir fast gar nichts wissen, und es
gibt mehr als genug Raum für Meinungsverschiedenheiten, Experimente
sowie das intellektuelle und praktische Ausloten von Möglichkeiten, und
all das kann uns dabei helfen, diese Fragen besser zu verstehen.</p>
<h3>Der Anarchismus ist vielleicht mehr als jede andere Idee verzerrt
dargestellt worden. Verschiedene Leute meinen damit jeweils etwas ganz
Verschiedenes. Muß du oft erst einmal erklären, was du überhaupt unter
Anarchismus verstehst? Empfindest du dieses verzerrte Bild vom
Anarchismus als Hindernis?</h3>
<p>
Solche Verzerrungen sind immer lästig. In diesem Fall gehen sie
großenteils auf die Nutznießer bestehender Machtstrukturen zurück,
denen aus recht offensichtlichen Gründen nicht daran gelegen ist, daß
die Leute verstehen, worum es eigentlich geht. Erinnern wir uns nur
einmal an David Humes „Prinzipien der Regierung”. Hume fand es
überraschend, daß das Volk seine Herrscher überhaupt an der Macht
beläßt. Er zog den Schluß, daß „die Herrschenden nichts zu ihrer
Unterstützung haben als die Meinungen”, da „die Gewalt immer in den
Händen der Beherrschten liegt. Es ist daher nur die Meinung, auf die
die Regierung gegründet ist; und diese Maxime gilt sowohl für die
despotischsten und militärischsten als auch für die freiesten und
volkstümlichen Regierungen."<a href="#fuss1"><sup>[1]</sup></a>
Hume war ein sehr scharfsichtiger Beobachter - obwohl er selbst an den
Normen seiner eigenen Zeit gemessen kaum als Libertärer gelten kann.
Gewiß unterschätzt er hier die Effektivität von Gewalt, aber seine
Beobachtung scheint mir dennoch im wesentlichen richtig zu sein, und
zwar besonders in den freieren Gesellschaften, in denen sich aus genau
diesem Grund die Kunst der Kontrolle über die Mei­nungen viel stärker
entfaltet hat. Verzerrte Darstellungen und ande­re Formen der geistigen
Vernebelung sind nur ein logischer Be­standteil des Versuchs, Kontrolle
über die Meinungen auszuüben.</p>
<p>
Ob solche Verzerrungen für mich ein Problem sind? Schon, aber im selben
Sinn wie, sagen wir einmal, schlechtes Wetter ein Problem sein kann.
Sie werden solange existieren, wie die Konzentration der Macht in
wenigen Händen eine Klasse oder Schicht von „Kommissaren”<a href="#fuss2"><sup>[2]</sup></a>.
hervorbringt, die diese Entstellungen in die Welt setzt. Da die
Angehörigen dieser Klasse im allgemeinen nicht besonders klug sind,
zumindest aber klug genug, um zu wis­sen, daß sie sich besser nicht in
die Arena der Tatsachen und Ar­gumente begeben, greifen sie auf
Entstellungen, Verleumdungen und sonstige Mechanismen zurück, wohl
wissend, daß den Mäch­tigen genügend Mittel und Wege zur Verfügung
stehen, um sie vor Kritik an diesen Praktiken zu beschützen. Wir
sollten uns darüber klar werden, was der Grund für diese Erscheinungen
ist und ihnen, so gut wir können, entgegenwirken. Das ist Teil des
Projektes der Befreiung - unserer selbst und anderer, oder besser
gesagt, von Menschen, die zusammen daran arbeiten, dieses Ziel zu
erreichen.</p>
<p>
Das klingt ziemlich simpel und ist es auch. Aber kenne kaum
substantielle Aussagen über das menschliche Leben und die
Ge­sellschaft, die nicht simpel wären, sobald man die Absurditäten und
das großsprecherische Getue, mit denen sie häufig verbunden sind,
einmal beiseite läßt.</p>
<h3>Was ist mit den Kreisen der etablierteren Linken, von denen man ja
erwarten könnte, daß sie zumindest ungefähr wissen, wofür der
Anarchismus in Wirklichkeit steht? Wundert man sich dort über deine
Ansichten und anarchistischen Positionen?</h3>
<p>
Wenn ich das, was du mit „etablierter Linker” meinst, richtig
ver­stehe, wundert man sich dort nicht allzu sehr über meine Ansich­ten
zum Anarchismus, weil diese Leute von meinen Ansichten ganz generell so
gut wie keine Ahnung haben. Ich habe kaum Kontakt zu diesen Kreisen.
Kaum etwas, was ich sage oder schrei­be, wird dort je erwähnt. Das
trifft natürlich nicht zu 100 Prozent zu. In den USA (nicht so sehr in
Großbritannien oder anderswo) weiß man in den kritischeren und
unabhängigeren Teilen dessen, was man als etablierte Linke bezeichnen
könnte, schon ein biß­chen über das, was ich mache, und ich habe in
diesem Milieu hier und da verstreut persönliche Freunde und Bekannte.
Aber wenn du dir einmal die Bücher und Zeitschriften ansiehst, die dort
herausgebracht werden, siehst du, was ich meine. Was ich sage und
schreibe, ist in diesen Kreisen durchaus nicht willkommener ist als in
irgendwelchen Fakultätsklubs oder Aufsichtsräten - wobei es auch hier
Ausnahmen gibt. Aber da meine Ansichten von dieser Sorte von Linken
praktisch nicht zur Kenntnis genommen werden, stellt sich die Frage, ob
man sich über sie wundert, eigentlich kaum, jedenfalls so wenig, daß
sie schwer zu beantworten ist.</p>
<h3>Vielen ist aufgefallen, daß du die Ausdrücke
„libertär-sozialistisch” und „Anarchismus” in ein und demselben Sinn
verwen­dest. Bedeuten diese Begriffe für dich im wesentlichen dasselbe?
Ist der Anarchismus für dich eine Form des Sozialismus? Irgend jemand
hat einmal gesagt, daß „Anarchismus dasselbe ist wie So­zialismus in
Freiheit ". Würdest du dieser Gleichung zustimmen?</h3>
<p>
In der Einführung zu dem Buch Daniel Guerins zitiere ich gleich zu
Anfang den Ausspruch eines Sympathisanten des Anarchismus im vorigen
Jahrhundert, dem zufolge „der Anarchismus einen breiten Rücken hat” und
„alles ertragen kann”. Das, was traditionell „li­bertärer Sozialismus”
genannt wird, war immer ein wesentliches Element des Anarchismus. Ich
habe in dieser Einführung und an­derswo versucht darzulegen, was ich
darunter verstehe, wobei ich immer darauf hingewiesen habe, daß ich
damit nichts Originelles oder Neues sage. Ich habe diese Ideen von den
führenden Figuren der anarchistischen Bewegung, die ich dort zitiere,
lediglich über­nommen. Diese Anarchisten bezeichnen sich fast durchweg
als So­zialisten, während sie gleichzeitig scharf die „neue Klasse”
radikaler Intellektueller verurteilen, die die Kämpfe der Bevölkerung
dazu benutzen wollen, selbst die Staatsmacht zu ergreifen und sich in
jene bösartige „rote Bürokratie” zu verwandeln, vor der schon Bakunin
warnte und die sich oft mit dem Namen „Sozialismus” tarnt. Und ich
teile die Auffassung Rudolf Rockers, daß diese sehr wichtigen
Strömungen des Anarchismus die positivsten Aspekte der Aufklä­rung und
des klassischen liberalen Denkens übernehmen, und zwar in einem noch
viel stärkeren Maß, als Rocker es beschrieben hat. Außerdem habe ich zu
zeigen versucht, daß diese Ideen in scharfem Widerspruch nicht nur zur
Ideologie und Praxis des Marxismus-Leninismus, sondern auch zu den
derzeit besonders in den USA und Großbritannien gängigen „libertären”
Doktrinen und einigen ande­ren heute vorherrschenden Ideologien stehen,
deren Kern mir in der Rechtfertigung diverser Formen illegitimer
Autorität und nicht sel­ten in der Rechtfertigung echter Tyrannei zu
bestehen scheint.</p>
<h2>Die spanische Revolution</h2>
<h3>Wenn du über den Anarchismus sprichst, verweist du oft auf das
Beispiel der spanischen Revolution. Wie es scheint, hast du dabei ganz
besonders zwei Aspekte im Auge. Zum einen sagst du, daß die spanische
Revolution ein gutes Beispiel für den „Anarchismus in Aktion” ist. Und
außerdem hast du hervorgehoben, daß sie sehr gut zeigt, was Arbeiter
aus eigener Kraft mittels partizipato­rischer Demokratie erreichen
können. Stellen diese beiden Aspekte - der Anarchismus in Aktion und
die partizipatorische Demokratie - für dich letztlich ein und dasselbe
dar? Ist der An­archismus eine Philosophie der Volksmacht?</h3>
<p>
Ich glaube nicht, daß man mit hochgestochenen Wörtern wie
„Philo­sophie” um sich werfen muß, um von etwas zu sprechen, was
ei­gentlich nur gesunder Menschenverstand ist. Simple Schlagwörter oder
Parolen bringen uns ebenfalls nicht weiter. Was die spanischen Arbeiter
und Bauern erreicht haben, bevor ihre Revolution zerschla­gen wurde,
war in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Der Begriff „partizipatorische
Demokratie” ist neueren Datums und entwickelte sich in einem anderen
Kontext, auch wenn es durchaus Berührungs­punkte zur spanischen
Revolution gibt. Damit ist deine Frage nicht wirklich beantwortet, aber
ich denke, daß Begriffe wie „Anarchis­mus” oder „partizipatorische
Demokratie” einfach nicht klar genug definiert sind, um sagen zu
können, ob sie ein und dasselbe sind.</p>
<h3>Eine der wichtigsten Leistungen der spanischen Revolution war das
Ausmaß, in dem sich basisdemokratische Prozesse entwickel­ten.
Schätzungen zufolge waren daran mehr als 3 Millionen Men­schen
beteiligt. In der Stadt wie auf dem Land wurde die Produk­tion von den
Produzenten selbst verwaltet und organisiert. Ist es bloßer Zufall, daß
die Anarchisten, die ja gerade als Verfechter der individuellen
Freiheit bekannt sind, auch auf dem Gebiet der kollektiven Verwaltung
erfolgreich waren?</h3>
<p>
Das ist überhaupt kein Zufall. Die Strömungen im Anarchismus, die ich
immer am überzeugendsten fand, streben eine hochgradig organisierte
Gesellschaft an, die viele verschiedene Strukturen - am Arbeitsplatz,
am Wohnort und in vielfältigen weiteren Formen freiwilliger
Zusammenschlüsse - miteinander kombiniert, die aber von den jeweils
Beteiligten kontrolliert wird und nicht von Leuten, die kraft ihrer
Stellung Befehle geben können (außer in den selte­nen Sonderfällen, in
denen die Ausübung von Autorität tatsächlich gerechtfertigt werden
kann).</p>
<h2>Demokratie</h2>
<h3>Anarchisten geben sich in der Regel große Mühe, Demokratie von unten
aufzubauen. Häufig werden sie sogar beschuldigt, „es mit der Demokratie
zu weit zu treiben". Trotzdem würden viele Anarchisten die Demokratie
nicht unbedingt als zentralen Bestandteil der anarchi­stischen
Philosophie bezeichnen. Anarchisten bezeichnen ihre Politik oft als
Engagement für den „Sozialismus” oder auch „das Individu­um” - sie
sagen zu hören, dem Anarchismus gehe es um Demokra­tie, ist viel
weniger wahrscheinlich. Bist du der Meinung, daß de­mokratische Ideen
ein zentrales Merkmal des Anarchismus sind?</h3>
<p>
Die anarchistische Kritik an der „Demokratie” war oft eine Kritik an
der parlamentarischen Demokratie, so wie diese sich in insgesamt
zutiefst repressiven Gesellschaften entwickelt hatte. Die
amerikani­sche Demokratie wurde auf der Basis des Prinzips gegründet,
das von James Madison in der Verfassunggebenden Versammlung von 1787
erläutert wurde und besagt, daß die Hauptfunktion der Regie­rung darin
besteht, „die Minderheit der Begüterten vor der Mehrheit zu schützen”.
Dementsprechend warnte er, in England, das damals das einzige Land war,
in dem zumindest quasidemokratische Ver­hältnisse herrschten, werde die
Bevölkerung eine Agrarreform und andere schreckliche Dinge durchsetzen,
falls man ihr zu viele Mit­spracherechte einräumte. Das amerikanische
System müsse daher sorgfältig so angelegt werden, daß solchen
Verbrechen gegen die „Rechte des Eigentums” ein Riegel vorgeschoben
würde. Daß diese Rechte verteidigt werden (und sogar den Vorrang
genießen) mußten, war für ihn selbstverständlich. Eine parlamentarische
Demokratie innerhalb eines solchen Rahmens verdient tatsächlich die
scharfe Kritik der libertären Strömung. Dabei habe ich viele
unmittelbar ins Auge springende Merkmale dieses Rahmens noch gar nicht
erwähnt: die Sklaverei zum Beispiel, oder die Lohnsklaverei, die durch
das ge­samte 19. Jahrhundert hindurch und noch weit bis ins 20.
Jahrhundert hinein von vielen Arbeitern heftig verurteilt wurde, obwohl
sie noch nie etwas von Anarchismus oder Kommunismus gehört hatten.</p>
<h2>Leninismus</h2>
<h3>Die Wichtigkeit von Basisdemokratie für jede tiefgreifende
Ver­änderung der Gesellschaft ist wohl offensichtlich. Aber dennoch hat
die Linke zu diesem Punkt oft nicht eindeutig Stellung bezo­gen. Ich
spreche hier ganz allgemein, nicht nur von der Sozialde­mokratie,
sondern auch vom Bolschewismus - beides Traditionen der Linken, die
wohl eher eine elitäre Haltung als eine wirklich demokratische Praxis
widerspiegeln. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Lenin, der
bezweifelte, daß Arbeiter von sich aus mehr als ein gewerkschaftliches
Bewußtsein entwickeln können,<a href="#fuss3"><sup>[3]</sup></a>
womit er wohl meinte, die Arbeiter könnten nicht über ihren
unmittelba­ren Tellerrand hinaus sehen. Und Beatrice Webb, die Mitglied
der sozialistischen Fabiergesellschaft war und großen Einfluß auf die
englische Labourpartei hatte, war der Ansicht, Arbeiter interes­sierten
sich „nur für Pferderennen”! Woher kommt dieses elitäre Denken, und
warum finden wir es ausgerechnet bei der Linken?</h3>
<p>
Ich fürchte, daß ich dazu kaum etwas sagen kann. Wenn zum Beispiel mit
„der Linken” auch der Bolschewismus gemeint ist, würde ich mich sicher
nicht als Linken bezeichnen. Wie ich bereits des öf­teren dargelegt
habe, war Lenin meiner Meinung nach einer der größten Feinde des
Sozialismus. Die Behauptung, Arbeiter interes­sierten sich nur für
Pferderennen, ist eine Absurdität, die nicht einmal einem
oberflächlichen Blick auf die Geschichte der Arbeiterbe­wegung oder die
lebendige und unabhängige Arbeiterpresse standhält, die vielerorts,
nicht zuletzt in den Fabrikstädten Neuenglands nicht weit von hier,
stark verbreitet war. Zusätzlich haben wir die in­spirierende Bilanz
der mutigen Kämpfe verfolgter und unterdrückter Menschen, die sich
durch die gesamte Geschichte zieht. Nehmen wir das ärmste Land unserer
Hemisphäre, Haiti, das von den europäi­schen Eroberern bei ihrer
Ankunft als Paradies gepriesen wurde und die Quelle eines nicht
unbeträchtlichen Teils des europäischen Reichtums war, mittlerweile
aber derart ausgeplündert ist, daß es sich vielleicht nie wieder
erholen wird. Während der letzten Jahre bauten Bauern und Slumbewohner
unter schlimmeren Bedingungen, als die meisten Menschen in den reichen
Ländern es sich überhaupt vorstellen können, eine breite demokratische
Bewegung auf, die sich auf Basisorganisationen stützt und über so gut
wie alles hinausgeht, was ich bisher kennengelernt habe. Man mußte
schon ein zutiefst fa­natischer Politkommissar sein, um es nicht zum
Totlachen zu finden, wenn amerikanische Intellektuelle und Politiker
feierlich verkünde­ten, die USA müßten den Haitianern Lektionen über
Demokratie erteilen. Was die Menschen in Haiti erreichten, war von
solcher Be­deutung und jagte den Mächtigen derartige Angst ein, daß sie
ein weiteres Mal zu brutalem Terror griffen, der von den USA in viel
stärkerem Maß unterstützt wurde, als öffentlich zugegeben wird. Und
dennoch weigern sie sich bis jetzt, den Kampf aufzugeben. Wie es
scheint, interessieren sie sich nicht nur für Pferdewetten.</p>
<p>
Mir fallen dazu einige Zeilen von Rousseau ein, die ich schon öfters
zitiert habe: „Wenn ich Massen vollkommen nackter Wilder sehe, die die
europäische Gier verachten und Hunger, Feuer, das Schwert und den Tod
ertragen, nur um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, spüre ich, daß es
Sklaven nicht ansteht, über Freiheit zu disputieren.”</p>
<h3>Du hast dich in Werken wie Deterring Democracy, Necessary Illusi­ons
und vielen anderen immer wieder mit der vorherrschenden Rolle
beschäftigt, die elitäre Ideen in Gesellschaften wie unserer spielen.
Du hast argumentiert, in der „westlichen” (oder parla­mentarischen)
Demokratie gebe es tiefsitzende Hindernisse für eine echte Beteiligung
der Masse der Bevölkerung, weil dadurch die un­gleiche Verteilung des
Reichtums, die die Besitzenden begünstigt, bedroht würde. Das hast du
sehr überzeugend dargelegt, aber dabei hast du auch Thesen aufgestellt,
die manche Leute schockierend fanden. Unter anderem hast du die Politik
von Präsident John F. Kennedy und die Politik Lenins miteinander
verglichen und beide mehr oder weniger miteinander gleichgesetzt.
Sowohl die Anhänger Kennedys als auch die Lenins waren geschockt!
Kannst du diesen Vergleich ein wenig erläutern?</h3>
<p>
Ich habe die Doktrinen der liberalen Intellektuellen der
Kennedy-Administration und den Leninismus nicht miteinander
gleichgesetzt, aber ich habe auf einige verblüffende Ähnlichkeiten
hingewiesen, Ähnlichkeiten, die Bakunin schon vor hundert Jahren in
seinen hell­sichtigen Kommentaren über die „neue Klasse” vorhergesehen
hat. Dabei zitierte ich Passagen von Robert McNamara, in denen er sich
darüber ausläßt, daß wir die Kontrolle durch die Manager stärken
müßten, wenn wir wirklich „frei” sein wollen, und in denen er
be­hauptet, es sei der „Mangel an Management”, der „die wirkliche
Be­drohung der Demokratie” und damit einen Angriff auf die Vernunft
selbst darstelle. In diesen Passagen braucht man nur einige Worte
aus­zutauschen, und schon hat man die Standarddoktrin des Leninismus.
Und ich habe darauf hingewiesen, daß die Wurzeln dieser elitären
Haltung bei beiden Ideologien sehr tief reichen. Ich weiß nicht, was
daran so schockierend sein soll, und kann darum hier nichts weiter dazu
sagen. Ich habe spezifische Aussagen miteinander verglichen, und zwar
auf meiner Ansicht nach durchaus angemessene Art und ohne die Analogie
zu weit zu treiben. Vielleicht täusche ich mich da ja, aber dann müßte
man mir schon zeigen, inwiefern das der Fall ist.</p>
<h2>Marxismus</h2>
<h3>Mit „Leninismus” ist eine spezifische Form des Marxismus ge­meint,
die von Lenin entwickelt wurde. Möchtest du, indem du von „Leninismus”
sprichst, das Werk von Marx von den Punkten abgrenzen, die dir bei
Lenin kritikwürdig erscheinen? Siehst du eine Kontinuität zwischen den
Auffassungen von Marx und der späte­ren Praxis Lenins?</h3>
<p>
Bakunins Warnungen vor der „roten Bürokratie”, die „die schlimm­ste
aller despotischen Regierungen” errichten würde, wurden lange vor
Aufkommen des Leninismus geäußert und bezogen sich obendrein auf „die
Anhänger des Herrn Marx”. Aber unter den Anhän­gern des Marxismus gab
es ja sehr unterschiedliche Tendenzen: Pan­nekoek, Luxemburg, Mattick
und andere vertraten eine ganz andere Richtung als Lenin, und ihre
Ansichten standen in vielerlei Hinsicht dem Anarchosyndikalismus sehr
nahe. Korsch und andere haben in positivem Sinn über die spanische
Revolution geschrieben. Es gibt Kontinuitäten zwischen Marx und Lenin,
aber solche Kontinuitäten gibt es auch zwischen Marx und denjenigen
Marxisten, die Lenin und den Bolschewismus entschieden ablehnten.
Ebenfalls relevant für eine Diskussion dieses Themas sind die in den
letzten Jahren erschienenen Arbeiten Theodor Shanins über die Haltung
des späten Marx gegenüber der Bauernrevolution. Ich habe mich
allerdings nicht wirklich wissenschaftlich mit Marx beschäftigt und
möchte mir kein Urteil darüber anmaßen, welche dieser Kontinuitäten den
„wirklichen Marx” widerspiegelt, falls diese Frage sich überhaupt
beantworten läßt.</p>
<h3>Kürzlich fiel uns hier dein Essay „Anmerkungen zum Anarchismus” in
die Hände, der letzes Jahr von Discussion Bulletin in den USA
wiederaufgelegt wurde. Darin sprichst du über die Auffassungen des
„frühen Marx”, besonders über seine Ausführungen über die im
Kapitalismus herrschende Entfremdung. Glaubst du, daß sich Marx' Leben
und Werk in zwei Phasen aufteilen läßt - eine Frühphase, in der er ein
eher libertär gesinnter Sozialist war, und die späteren Jahre, in denen
er sehr autoritäre Auffassungen vertrat?</h3>
<p>
Der frühe Marx schöpfte stark aus dem Milieu, das ihn umgab, und daher
finden sich bei ihm in dieser Periode viele Ähnlichkei­ten mit dem
Denken, das den klassischen Liberalismus motivierte, und außerdem
Aspekte der Aufklärung und der französischen und deutschen Romantik.
Aber ich habe mich auch mit dieser Frage nicht gründlich genug
beschäftigt, um ein fundiertes Urteil abge­ben zu können. Ich
persönlich habe den Eindruck, daß der frühe Marx in starkem Maß eine
Figur der Spätaufklärung war, während der spätere Marx ein hochgradig
autoritärer Aktivist und kritischer Analytiker des Kapitalismus war,
der kaum etwas über sozialisti­sche Alternativen zu sagen hatte. Aber
das ist wie gesagt nur ein vielleicht oberflächlicher Eindruck.</p>
<h3>Wenn ich dich richtig verstehe, liegt deinen Ansichten ganz
gene­rell ein Konzept von der menschlichen Natur zugrunde. Der
Ge­danke, es gebe eine menschliche Natur, wurde früher oft eher als
etwas Reaktionäres, die menschlichen Möglichkeiten Beschrän­kendes
betrachtet. Dementsprechend wird häufig die angeblich unveränderliche
Natur des Menschen ins Feld geführt, um zu be­weisen, daß eine
anarchistisch inspirierte Veränderung der Ge­sellschaft unmöglich ist.
Du bist da ja wohl anderer Meinung. Warum?</h3>
<p>
Sämtlichen Ansichten zu Fragen von menschlicher Relevanz liegt ein
Konzept von der menschlichen Natur zugrunde, ganz gleich, wie unbewußt
oder unartikuliert es auch sein mag. So ist es jedenfalls bei Menschen,
die sich als moralisch verantwortliche Wesen be­trachten und nicht als
Ungeheuer. Ob jemand nun für Reform oder Revolution, für die heutige
Gesellschaft oder die Rückkehr zu einem früheren Zustand eintritt, oder
ob er einfach nur sein privates Um­feld berücksichtigen will - jede
dieser Positionen stützt sich immer auf die Behauptung, sie sei „gut
für die Menschen”. Aber ein sol­ches Urteil basiert immer auf einem
Konzept von der Natur des Menschen, das im Interesse einer rationalen
Herangehensweise so klar wie möglich artikuliert werden sollte, und sei
es nur, damit es einer Bewertung zugänglich wird. Was die menschliche
Natur angeht, vertrete ich also eigentlich nichts anderes als jedermann
sonst.</p>
<p>
Es stimmt, daß die Idee einer menschlichen Natur häufig als etwas
„Reaktionäres” betrachtet wurde, aber eine solche Behaup­tung bringt
doch einige grundlegende Dinge durcheinander. Un­terscheidet sich meine
Enkelin etwa nicht von einem Stein, einem Salamander, einem Huhn oder
einem Affen? Jeder, der zugibt, daß eine negative Antwort auf diese
Frage absurd wäre, erkennt bereits an, daß es eine spezifisch
menschliche Natur gibt. Was bleibt, ist lediglich die Frage, worin
diese menschliche Natur besteht - eine faszinierende Frage, deren
Antwort alles andere als offensichtlich, wissenschaftlich gesehen von
größtem Interesse und in menschlicher Hinsicht von enormer Bedeutung
ist. Über manche Aspekte der menschlichen Natur wissen wir eine ganze
Menge - leider nicht über die, die für unser Zusammenleben am
wichtigsten sind. Im Hinblick auf diese Aspekte sind wir auf unsere
Hoffnungen und Wünsche, auf Intuitionen und Spekulationen angewiesen.</p>
<p>
Es ist nichts Reaktionäres an der Tatsache, daß der menschli­che Embryo
insofern Beschränkungen unterliegt, als ihm keine Flügel wachsen, oder
daran, daß sein visuelles System sich nicht zu einem Insektenauge
entwickeln kann oder daß ihm der Heim­kehrinstinkt der Tauben fehlt.
Dieselben Faktoren, die die Ent­wicklung eines Organismus einschränken,
ermöglichen ihm den Erwerb einer reichen, komplexen und fein
differenzierten Struk­tur, die bei allen Artangehörigen grundlegend
ähnlich ist und ih­nen reiche und bemerkenswerte Fähigkeiten verleiht.
Ohne eine solche determinierende, intern festgelegte Struktur, die
natürlich zugleich die Skala der ihm offenstehenden
Entwicklungsmöglich­keiten radikal beschränkt, wäre der Organismus nur
ein bedau­ernswertes, amorphes Wesen (falls er überhaupt lebensfähig
wä­re). Reichtum und Grenzen der möglichen Entwicklungen sind lo­gisch
untrennbar miteinander verbunden.</p>
<p>
Nehmen wir eine der wenigen spezifisch menschlichen Fähig­keiten, über
die mittlerweile einiges bekannt ist, nämlich die Spra­che. Es gibt
sehr starke Gründe für die Annahme, daß sämtliche auf natürliche Weise
lernbaren menschlichen Sprachen einander sehr ähnlich sind. Wenn ein
Wissenschaftler vom Mars die Men­schen beobachten würde, käme er
wahrscheinlich zu dem Schluß, daß sie nur eine einzige Sprache haben,
die geringfügige Variatio­nen aufweist. Diese Ähnlichkeit basiert
darauf, daß der besondere Aspekt der menschlichen Natur, der dem
Wachstum der Sprache zugrundeliegt, nur eine sehr begrenzte Bandbreite
von Optionen zuläßt. Ist das eine Beschränkung? Natürlich. Setzt das
Kräfte des Geistes frei? Auch darauf lautet die Antwort natürlich ja.
Es sind gerade diese Beschränkungen, durch die sich auf der Basis
höchst rudimentärer, lückenhafter und variierender Erfahrung ein
reiches und kompliziertes System zum Ausdruck von Gedanken entwickeln
kann, das bei allen Menschen einer Sprachgemeinschaft un­gefähr gleich
ist.</p>
<p>
Was ist mit den biologisch determinierten Unterschieden zwi­schen den
Menschen? Es ist offensichtlich, daß es diese Unterschiede gibt, und
über diese Tatsache sollten wir froh sein, statt sie zu bedauern oder
wegen ihr alle möglichen Befürchtungen zu hegen. Ein Leben unter lauter
Klonen wäre kaum wert, gelebt zu werden, und ein normaler Mensch wird
sich doch gerade darüber freuen, daß andere Menschen Fähigkeiten haben,
die er selbst nicht hat. Darüber sollten sich eigentlich alle einig
sein. Die Auf­fassungen, die über dieses Thema in Umlauf sind, finde
ich äu­ßerst seltsam.</p>
<p>
Bildet die menschliche Natur, wie immer sie aussehen mag, eine gute
Ausgangsbasis für die Entwicklung anarchistischer Le­bensformen, oder
stellt sie dafür eher ein Hindernis dar? Wir wis­sen nicht genug, um
diese Frage zu beantworten. Wir können der Antwort nur durch
Experimentieren und praktische Entdeckungen näherkommen, nicht durch
leere Verkündigungen.</p>
<h2>Die Zukunft</h2>
<h3>Da wir uns allmählich dem Ende dieses Interviews nähern, würde ich
dich gerne kurz zu einigen Themen befragen, die augenblick­lich in der
Linken diskutiert werden. Ich weiß nicht, ob das in den USA ähnlich
ist, aber hier in Irland hat der Zusammenbruch der Sowjetunion auf
Seiten der Linken eine gewisse Demoralisierung ausgelöst. Es handelt
sich weniger darum, daß diese Leute glü­hende Unterstützer der
Verhältnisse in der Sowjetunion waren, sondern eher um das diffuse
Gefühl, daß der Niedergang der So­wjetunion auch die Idee des
Sozialismus selbst mit in den Ab­grund gezogen hat. Bist du dieser
Sorte politischer Demoralisie­rung auch schon begegnet? Wie würdest du
darauf antworten?</h3>
<p>
Ich habe auf das Ende der sowjetischen Tyrannei grundsätzlich nicht
anders reagiert als auf die Niederlage Hitlers und Mussoli­nis. All
diese Ereignisse waren Siege des menschlichen Freiheitsstrebens. Gerade
Sozialisten hätten das Ende der sowjetischen Tyrannei begrüßen müssen,
da eine der wichtigsten gegen den So­zialismus gerichteten Mächte
schließlich zusammengebrochen war. Genau wie du war ich verblüfft zu
sehen, wie Leute - darunter solche, die sich selbst immer als
antistalinistisch und antileni­nistisch betrachtet hatten - über den
Zusammenbruch dieser Ty­rannei enttäuscht waren. Aber daran zeigt sich,
daß sie dem Leni­nismus weit mehr verpflichtet waren, als ihnen bewußt
gewesen war.</p>
<p>
Es gibt allerdings dennoch Gründe, über das Verschwinden dieses
brutalen und tyrannischen Systems besorgt zu sein, obwohl es ungefähr
ebenso sozialistisch wie demokratisch war, nämlich überhaupt nicht.
(Erinnern wir uns daran, daß es den Anspruch erhob, beides zu sein, und
daß man sich im Westen über die Behauptung, es sei demokratisch, lustig
machte, während der soziali­stische Anspruch des sowjetischen Regimes
begierig für bare Münze genommen wurde, da er sich als Waffe gegen
sozialisti­sche Bestrebungen verwenden ließ - das ist nur eines der
vielen Beispiele für die Dienstbarkeit der westlichen Intellektuellen
ge­genüber den bestehenden Machtverhältnissen.) Einer dieser Grün-de
zur Besorgnis hat mit der tatsächlichen Natur des Kalten Krie­ges zu
tun. Meiner Ansicht nach war der Kalte Krieg in hohem Maß ein
Spezialfall des „Nord-Süd-Konflikts”, um den momentan gängigen
Euphemismus für die europäische Eroberung eines Großteils der Welt zu
verwenden. Osteuropa hatte schon vor der Eroberung des Südens - und
danach bis ins 20. Jahrhundert hinein - die Rolle einer „Dritten Welt”
gespielt, und der Kalte Krieg nach 1917 wies stärke Ähnlichkeiten mit
dem auf, was passierte, wenn andere Teile der Dritten Welt versuchten,
einen unabhängigen Weg einzuschlagen, obwohl im Fall der Sowjetunion
die Dimen­sionen des Versuchs dem Konflikt ein Eigenleben verschafften.
Auf diesem Hintergrund war nur zu erwarten, daß Osteuropa zu seiner
alten Rolle zurückkehren würde. Man konnte davon ausge­hen, daß
traditionell zum Westen gehörige Teile der Region wie die Tschechische
Republik oder Westpolen zum Westen zurückkehren würden, während das der
restliche Teil Osteuropas in seine alte Dienstleistungsrolle
zurückfällt und die Ex-Nomenklatura sich in eine Dritte-Welt-Elite des
üblichen Typs verwandelt. Letzteres findet im übrigen den Beifall der
staatlichen und unternehmeri­schen Machtzentren im Westen, die das
Entstehen solcher Eliten anderen Alternativen im allgemeinen vorziehen.
Nicht gerade er­freuliche Aussichten, deren Realisierung die Region in
enormes Leid gestürzt hat.</p>
<p>
Aber auch wegen seiner Auswirkungen auf die Abschreckung westlicher
Aggression und auf die Möglichkeiten der Blockfrei­heit gab der
Zusammenbruch der Sowjetunion Anlaß zur Besorg­nis. So grotesk das
sowjetische Imperium auch gewesen sein mag, eröffnete seine bloße
Existenz doch einen gewissen Raum für Blockfreiheit, und es darüber
hinaus kam es vor, daß die Sowjet­union aus den üblichen eigennützigen
Gründen den Opfern westli­cher Angriffe half. All das fällt nun fort,
und der Süden muß den Preis dafür zahlen.</p>
<p>
Ein dritter Grund zur Besorgnis hat mit dem zu tun, was die
Geschäftspresse „die verwöhnten westlichen Arbeiter” mit ihren
„luxuriösen Lebensgewohnheiten” nennt. Die Rückkehr eines Großteils von
Osteuropa zu seiner angestammte Rolle gibt den Firmeneigentümern und
-managern im Westen mächtige neue Waffen gegen die Arbeiter und die
Armen in ihren eigenen Län­dern an die Hand. General Motors und VW
können ihre Produkti­on dadurch nicht nur nach Mexiko oder Brasilien
verlagern (oder zumindest damit drohen, was im Resultat oft auf
dasselbe hinaus-läuft), sondern auch nach Polen und Ungarn, wo sie
ausgebildete und erfahrene Arbeiter zu einem Bruchteil der Kosten
bekommen können. Angesichts der Werte, von denen sie sich leiten
lassen, sind sie darüber natürlich entzückt.</p>
<p>
Genau wie bei anderen Konflikten können wir auch beim Kal­ten Krieg
viel darüber lernen, worum es eigentlich ging, wenn wir einmal darauf
achten, wer am Ende jubelt und wer mit dem Ausgang unzufrieden ist.
Daran gemessen sind die westlichen Eliten und die ehemalige
Nomenklatura, die sich über ihre kühnsten Er­wartungen hinaus
bereichert hat, die Sieger, während ein Großteil der Bevölkerung des
Ostens, die Armen und die arbeitenden Men­schen im Westen und die
Volksbewegungen im Süden, die versucht haben, einen unabhängigen Weg zu
verfolgen, die Verlierer sind.</p>
<p>
Solche Gedanken lösen bei den westlichen Intellektuellen Re­aktionen
aus, die an Hysterie grenzen, falls sie sie überhaupt in Betracht
ziehen können, was selten der Fall ist. Das ließe sich an vielen
Beispielen zeigen und ist auch nicht weiter überraschend. Die
zugrundeliegenden Beobachtungen sind zwar korrekt, werfen aber ein
unvorteilhaftes Licht auf die Mächtigen und Privilegier­ten; daher die
hysterischen Reaktionen.</p>
<p>
Demnach wird also ein anständiger Mensch angesichts des Endes des
Kalten Krieges nicht einfach nur Freude über den Zusam­menbruch einer
brutalen Tyrannei empfinden können. Aber die in der Öffentlichkeit
dominierenden Reaktionen auf diese Ereignisse sind meines Erachtens
extrem selbstgerecht und heuchlerisch.</p>
<h2>Kapitalismus</h2>
<h3>Die Linke sieht sich heute in vielerlei Hinsicht auf ihre Anfänge im
letzten Jahrhundert zurückgeworfen. Genau wie damals muß sie sich mit
einer im Aufstieg begriffenen Form des Kapitalismus auseinandersetzen.
Mehr denn je zuvor in der Geschichte scheint heute ein „Konsens”
darüber zu bestehen, daß der Kapitalismus die einzig mögliche und
machbare Form der ökonomischen Or­ganisation ist, und zwar ungeachtet
der Tatsache, daß die Un­gleichheit in der Verteilung des Reichtums
immer größer wird. Vor diesem Hintergrund sieht es so aus, als wüßte
die Linke nicht genau, wie es weitergehen soll. Wie siehst du die
gegenwärtige Periode? Müssen wir „zurück zu den Grundlagen”? Sollten
wir nun unsere Anstrengungen darauf konzentrieren, die libertäre
Tradition im Sozialismus herauszuarbeiten und die Wichtigkeit
demokratischer Ideen zu betonen?</h3>
<p>
Das Gerede vom Kapitalismus als einzig lebensfähiger Wirt­schaftsform
ist meines Erachtens größtenteils Propaganda. Was „Kapitalismus”
genannt wird, ist im wesentlichen ein System des Konzernmerkantilismus,
bei dem riesige und so gut wie keiner Rechenschaft unterworfene private
Tyranneien weitgehend die Kontrolle über die Wirtschaft, das
politischen System und das so­ziale und kulturelle Leben ausüben. Dabei
bedienen sie sich einer engen Kooperation mit mächtigen Staaten, die
wiederum massiv in die nationalen Wirtschaftsräume und die
internationalen Ver­hältnisse eingreifen. Das gilt, im Gegensatz zu den
Illusionen, die sich viele Leute darüber machen, gerade für die
Vereinigten Staa­ten in höchst dramatischer Weise. Die Reichen und
Privilegierten sind heute genauso wenig wie zu früheren Zeiten gewillt,
sich der Marktdisziplin auszusetzen, obwohl sie der Auffassung sind,
daß dieses Prinzip auf die restliche Bevölkerung unbedingt angewen­det
werden sollte. Hierzu nur einige wenige Illustrationen: Die
Reagan-Administration, die uns mit einer Flut von Rhetorik zum Lobpreis
des freien Marktes überschüttete, brüstete sich gleich-zeitig gegenüber
der Geschäftsgemeinde mit der Tatsache, daß sie die
protektionistischste aller US-Regierungen nach dem Zweiten Weltkrieg
war - und in der Tat hat sie mehr protektionistische Maßnahmen
eingeführt als alle anderen zusammengenommen. Newt Gingrich, der den
gegenwärtigen Kreuzzug „für den freien Markt” anführt, vertritt einen
superreichen Distrikt, der mehr Bundessubventionen erhält als jede
andere vorstädtische Region des ganzen Landes mit Ausnahme der
Regionen, die unmittelbar zum Bundessystem selbst gehören. Dieselben
„Konservativen”, die ein Ende der Schulspeisungen für hungrige Kinder
fordern, verlangen gleichzeitig eine Erhöhung des Budgets für das
Penta­gon. Letzteres wurde Ende der vierziger Jahre in seiner
gegenwärti­gen Form installiert, weil - wie die Wirtschaftspresse
freundlicherweise selbst ausgeplaudert hat - die Hightech-Industrie in
einer „rein wettbewerbsbestimmten, nicht subventionierten Wirtschaft
des 'freien Unternehmertums'” nicht existieren kann und die Regierung
da-her als ihr „Retter” fungieren muß. Ohne diesen „Retter” wären die
Angehörigen von Gingrichs Wählerbasis arme Arbeiter oder Angestellte
(wenn sie das Glück hätten, einen Arbeitsplatz zu finden). Es gäbe
keine Computer, keine moderne Elektronik, keine Luftfahrtin­dustrie,
keine Metallurgie, keine Automation und was nicht noch alles; man
könnte hier eine ganze Liste nennen. Gerade Anarchisten sollten sich
von diesem uralten betrügerischen Geschwätz über die Verdienste des
„freien Marktes” nicht täuschen lassen.</p>
<p>Die libertär-sozialistischen Ideen sind heute von größerer Re­levanz
als je zuvor, und die Bevölkerung ist in Wirklichkeit sehr offen für
sie. Trotz einer gewaltigen Flut der Konzernpropaganda bleiben die
Leute, wenn man von den Kreisen der Gebildeten einmal absieht, ihren
traditionellen Einstellungen weitgehend treu. In den USA zum Beispiel
halten 80 % der Bevölkerung das Wirt­schaftssystem für „sowieso
ungerecht”, während sie das politische System als Betrug betrachten,
der bestimmten „Sonderinteressen” dient und nicht der „Bevölkerung”.
Überwältigende Mehrheiten sind der Ansicht, daß die arbeitenden
Menschen in öffentlichen Angelegenheiten zu wenig zu sagen haben (und
Meinungsumfra­gen in England ergeben in diesem Punkt das gleiche), daß
die Re­gierung die Verantwortung hat, bedürftigen Menschen zu helfen,
daß Ausgaben für Ausbildung, Erziehung und Gesundheit Vorrang vor
Haushaltssanierungen und Steuersenkungen haben sollten, daß die
Vorschläge der Republikaner, die gerade durch den Kongreß geschleust
werden, den Reichen nützen und der Gesamtbevölke­rung schaden - und in
vielen anderen Bereichen sieht es genauso aus. Die Intellektuellen
mögen vielleicht ein anderes Bild von der vorherrschenden Stimmung
haben, aber es ist gar nicht so schwie­rig, die Tatsachen
herauszufinden.</p>
<h3>In gewisser Hinsicht hat ja auch der Zusammenbruch der Sowjetunion
die anarchistischen Ideen bestätigt - die Vorhersagen Bakun ins haben
sich als richtig erwiesen. Können die Anarchisten aus dieser
allgemeinen Entwicklung und der Hellsichtigkeit der Analyse Bakunins
neue Zuversicht schöpfen? Sollten sie der kom­menden Periode mit
gestärktem Vertrauen in ihre Ideen und ihre Geschichte entgegensehen?</h3>
<p>
Ich denke, oder hoffe zumindest, daß die Antwort aus dem, was ich
bisher gesagt habe, schon hervorgeht. Ich denke, daß es in der
heuti­gen Ära schlimme Omen, aber auch Anzeichen gibt, die zu großer
Hoffnung berechtigen. Was schließlich am Ende herauskommen wird, hängt
davon ab, was wir aus den Möglichkeiten machen.</p>
<h3>Fussnoten:</h3>
<p><a name="fuss1"></a>[1] Aus David Hume, Essays, Moral and Political (1748): „Of the First Principles of Government”. (A. d. Ü.)</p>
<a name="fuss2"></a>[2] Anspielung auf die „Politkommissare” der bolschewistischen Roten Armee nach der russischen Oktoberrevolution. (A. d. Ü.)
<p>&nbsp;</p>
<a name="fuss3"></a>[3] So vor allem in seiner Schrift Was tun? (1902).
Kritisiert wurde Lenins Position damals u. a. von Trotzki (vgl. S. 113)
und Rosa Luxemburg. (A. d. Ü.)
<p>&nbsp;</p>
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      <dc:subject>Anarchismus</dc:subject>
    
    
      <dc:subject>Marxismus</dc:subject>
    
    <dc:date>2007-08-23T16:44:23Z</dc:date>
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