Cauca: Ihr Schicksal Liegt in Unserer Hand
Zum Zeitpunkt wo dies geschrieben wird, werden die Bezirke Toribio und Jambalo in Nordcauca sowohl von FARC als auch von der Kolumbianischen Regierung bombardiert. Nordcauca beherbergt eines der bemerkenswertesten Experimente im Widerstand gegen den Neoliberalismus und in der eigentlichen Errichtung von Alternativen in der Hemisphäre, ohne noch den mutigen und unbewaffneten Einsatz für den Frieden zu erwähnen.
Der derzeitige Kampf begann als die FARC in das Gebiet kam um indigene Bürgermeister wegen „Korruption“ zu exekutieren. Diese Bürgermeister sind aus einem direkt-demokratischen, beratenden Prozess heraus gewählt worden, welcher von den Menschen von Cauca entwickelt worden ist, (siehe „Snapshot of Columbia“ für mehr Details über den Prozess [Auch: „Direkte Demokratie in Kolumbien“]) und die Anschuldigung der Korruption gegen sie ist nicht haltbar. Die indigenen Organisationen von Cauca haben um internationale Aktionen zu ihrem Schutz vor dieser Gefahr gebeten, und dass alle bewaffneten Akteure ihr Gebiet verlassen, damit sie an der Konstruktion ihrer Autonomie weiterarbeiten können.
Noam Chomsky besuchte Cauca vor einigen Monaten. Heute gab er seine Einschätzung der Situation in einem E-Mail Interview.
1) Sie haben kürzlich die Indigenen von Cauca besucht und jetzt werden sie von allen Seiten schwer angegriffen – von den FARC, den Paramilitärs und von der USA durch Ausräucherungen von der Luft aus. Warum geschieht das? Qualifizieren sich ihre Erfolge als jene Art von „Gefahr eines guten Beispieles“, welches zerstört werden muss?
Ich schätze, dass das eine wahrscheinliche Schlussfolgerung ist.
Ich habe einige Tage in Cauca verbracht, aber zum Großteil Menschen vom Süden der Region getroffen, die meisten von ihnen waren Campesinos und Indigene, mit persönlichen Erfahrungsberichten die äußerst schmerzhaft anzuhören sind. Ich habe auch Aktivisten von vielen verschiedenen Gruppen getroffen, sehr beeindruckende Menschen, und konnte einige Stunden mit dem Gouverneur, Fioro Tunubala sprechen, ein nachdenklicher, artikulierter, stolzer, indigener Mann, vielleicht der erste gewählte indigene Beamte eines solchen Ranges in der Hemisphäre. Seine Wahl bedeutete einen Schock für die Eliten, welche das Gebiet seit jeher kontrollierten. Man erinnert sich an Haiti vor 10 Jahren. Seine Wahl war eine Spiegelung des Erfolges der lokalen Organisierung unter den Volkssektoren, dem „Bloque Social“ – dem Sozialen Block. Als Antwort auf Ihre Frage werde ich einfach zitieren, was er in einem veröffentlichten Interview gesagt hat. Er warnte bereits vor einem Jahr vor der steigenden Anwesenheit von Paramilitärs im Norden, einem weiteren Schritt in ihrer Machtausweitung über große Teile Kolumbiens. Er führte ihren Einbruch ins nördliche Cauca auf den Erfolg des Sozialen Blocks zurück, welcher „wirtschaftliche Rechte und Gebietsansprüche errungen hatte, und soziale Rechte in den Bereichen des Schulwesens und der Gesundheit.“ Das „weckte die Aufmerksamkeit der Paramilitärs“, welche derartige Abweichungen von den traditionellen Machtstrukturen die sie beschützen nicht dulden. Ich glaube das ist die grundsätzliche Antwort auf Ihre Frage.
Aber es ist komplexer. In den letzten Jahren, sagte er, haben die Guerillas „versucht die sozialen Bewegungen zu manipulieren“, und es geht klar aus persönlichen Berichten hervor, dass diese – insbesondere die FARC – von den Campesinos, Afro-Kolumbianer und Indigene, gefürchtet werden und dass die FARC ihr soziales Programm durch die erhöhte Militarisierung des Konfliktes verloren hat. Der Soziale Block versucht die Region von dem Konflikt abzutrennen, also sich selbst von den Militärs, Paramilitärs und Guerillas zu befreien, und einen Weg zu unabhängiger sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung zu verfolgen, welcher unter ihrer Kontrolle steht. Keine der militarisierten Kräfte akzeptiert das. Es gibt ähnliche Anstrengungen in anderen Teilen Kolumbiens, mit eingeschlossen den sehr großen Netzwerken von Gemeinden, in einem Fall ein Gebiet von der Größe El Salvadors. Möglicherweise ist das älteste San Jose de Apartado, welches sich selbst vor über 30 Jahren als Zone des Friedens deklarierte, und von der Weigerung der bewaffneten Gruppen dies zu akzeptieren sehr gelitten hat. Als ich dort war, standen sie seit Wochen unter einer Belagerung von Paramilitärs, Nahrung und andere Vorräte gingen aus und die Situation könnte verzweifelt sein, wenn sie nicht von Außerhalb Unterstützung bekommen, und zwar über die Menschenrechts- und Solidaritätsgruppen hinausgehend, welche versuchen etwas zu unternehmen und internationale Aufmerksamkeit zu wecken.
Diejenigen die ich getroffen habe, haben die chemische Kriegsführung der USA („Ausräucherung“) als besonders böseartige Gräueltat beschrieben. Die Berichte der Bauern waren bildlich und rührend, und sogar ein beiläufiger Besuch reicht aus um auf einige der Auswirkungen direkt aufmerksam zu werden. Sie hatten versucht mit dem scharfen Fall der Kaffeepreise fertig zu werden (welcher die Kleinanbauer zerstört, den multinationalen Verteilern geht es gut), indem sie einen Nischenmarkt für den Export entwickelten, hauptsächlich für Europa: hoch qualitativer organisch-gewachsener Kaffee. Das wurde durch die Ausräucherung zerstört, für immer. Es sind nicht nur die Kaffeesträucher tot, aber auch das Land ist vergiftet, und wird nicht wieder zugelassen werden, auch wenn sie irgendwie die nächsten Jahre überleben können, welche notwendig sind um das neu aufzubauen was zerstört worden ist, zusammen mit anderen Feldfrüchten: Yucca, Spargel, und vieles mehr. Ihre Farmen und Leben sind ruiniert, ihre Tiere getötet und ihre Kinder oft krank und am Sterben. Sie sind mittellos und verlassen, mit wenig Hoffnung. Zumindest in den Gebieten in denen ich persönliche Berichte hörte, hatte die Zerstörung der Felder wenig, wenn überhaupt etwas, mit der Anwesenheit von Guerillas oder Drogenanbau zu tun – so grotesk schon diese Projekte sind. Es gab nicht einmal einen Versuch die Gebiete, welche der ruinösen Erntevernichtung anheim fallen sollten, zu untersuchen. Diese Programme scheinen nur eine andere Phase in dem historischen Prozess zu sein, mittellose Kleinbauern vom Land zu verjagen, um reiche Ressourcen der Ausbeutung durch ausländisches Kapital freizugeben, und wahrscheinlich die Basis für einen von multinationalen Konzernen kontrollierten Agroexport zu legen, wobei im Labor erzeugte Saat verwendet wird, wenn einmal die Biodiversität zerstört worden ist, zusammen mit der reichhaltigen aber zerbrechlichen Tradition der Landwirtschaft von Kleinbauern. Zusammen mit den Gouverneuren der Nachbarprovinzen hat Tunubala ein Ende der Ausräucherung verlangt, mit manueller Beseitigung zusammen mit Programmen für soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Aber das passt nicht in die Zielvorstellungen der kolumbianischen Elite und Washingtons „Plan Columbia“, also bekommt dies so gut wie keine Unterstützung.
Es gibt einen Hintergrund hierzu, den man im Kopf behalten sollte. 2001 hatte Cauca die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien, was eine beachtenswerte Leistung ist. Als nächstes kam Choco, zum Großteil afro-kolumbianisch, was der Ort des furchtbaren Massakers war, als eine FARC Bombe eine Kirche traf, in der Menschen vor den Kämpfen flohen, die nach dem Einbruch der Paramilitärs in das Gebiet ausbrachen. Das ist der neueste Teil einer hässlichen Geschichte. Seit jeher ist die Gewalt in Cauca und anderswo ein Teil der Vertreibung der Kleinbauern von den besten Böden, welche unter den neoliberalen Programmen eskalierten, aber schon tiefe historische Wurzeln hatten, was zu einer sozialen Ordnung mit extremer Konzentration von Reichtum führte, welche mit dem ausländischen Kapital verbunden ist, und zu einem schrecklichen Unglück in einem Land, das reich an den verschiedensten Ressourcen ist. Das gab es in Cauca schon eine lange Zeit. Der Soziale Block hat diesen Prozess umgekehrt, und das wird von der konzentrierten Macht nicht willkommen geheißen, weder von der heimischen noch von der internationalen.
2) Wie glaubhaft ist die Behauptung der Kolumbianischen Regierung, dass sie zwischen einem Guerilla-Aufstand und einer paramilitärischen Armee gefangen sind, welche sie beide nicht kontrollieren könnten, und für deren Niederschlagung sie die militärische Unterstützung der USA bräuchten?
Sowohl internationalen als auch die kolumbianischen Menschenrechtsorganisationen schreiben die große Mehrzahl der Gräueltaten den Paramilitärs zu, welche so eng und so offensichtlich mit dem Militär verbunden sind, dass Human Rights Watch sie die „Sechste Division“ nennt, neben den fünf offiziellen Divisionen. Es gibt überwältigende Beweise von äußerst nahen Verbindungen und von enger Zusammenarbeit, sowohl von jeder Menge persönlichen Bezeugungen, als auch von den Berichten der großen Menschenrechtsorganisationen, welche detailliert und informativ sind. Der Anteil der Gräueltaten, welche dem Militär/Paramilitär zugeschrieben werden, war über Jahre ziemlich stabil: zwischen 75%-80%, mit einem sinkenden Anteil des Militärs, da Gräueltaten den Paras „übergeben werden“, in einer vielerorts bekannten Vorgehensweise. Das ist für die „plausible Dementierbarkeit“ nützlich – plausibel genug für die Vorwände des State Department wenn sie die jährliche Scharade wiederholen, bei welcher sie „Verbesserungen“ ihres Menschenrechtsprotokolles versichern, was kürzlich erst vor einigen Monaten eine schmachvolle Aufführung von Colin Powell war, nachdem er von den großen Menschenrechtsorganisationen weitgehende Berichte in großem Detail präsentiert bekommen hatte, welche zeigen, dass eine solche Beglaubigung eine Farce wäre. Die Gräueltaten auf die Paramilitärs zu verlagern ist eine Form von Privatisierung, welche sehr gut ins „neoliberale Model“ passt, von welchem Kolumbien in jeder Hinsicht ein Prachtexemplar ist. Die Beteiligung der USA am staatlichen Terror geschieht entlang eines ähnlichen Weges, sie wird privatisiert. Die Aufgaben werden Firmen wie MPRI und Dyncorps übergeben, welche Personal vom US Militär einstellen und auf der Basis von Verträgen mit der Regierung arbeiten, aber nicht unter jener Aufsicht des Kongresses stehen, welche die Beteiligung am Staatsterror etwas einschränkt.
3) Können besorgte Nordamerikaner tatsächlich etwas tun um die Arbeit der Menschen in Cauca zu beschützen? Wie?
Es ist keine Übertreibung, dass ihr Schicksal in unseren Händen liegt. Der Soziale Block in Cauca ist eine von ziemlich wenigen vom Volk ausgehenden Bewegungen im ganzen Land. Sie können den überwältigenden Ressourcen an Gewalt, welche in den Händen der mit der US-Macht verbundenen Elite von Kolumbien liegt, nicht allein standhalten. Was die Guerillas betrifft, können Machtzentren sie nicht in konventionellen militärischen Begriffen besiegen, aber sie haben bereits zu einem großen Teil ein Hauptziel erreicht: die Guerillas dazu zu zwingen eine militärische Macht ohne bedeutende Sozialprogramme zu werden, also lediglich eine weitere Quelle von Terror für die Bevölkerung, welche einen Ausweg aus dem kriminellen sozio-ökonomischen System sucht, und aus der alles durchdringenden Gewalt, welche dermaßen eng mit jenem System verbunden ist. Das ist wiederum ein klassisches Mittel von staatlich geleitetem internationalem Terrorismus.
Die Courage und Hingabe des Sozialen Blocks, und der Aktivisten die mit ihnen arbeiten, sind außergewöhnlich und inspirierend. Aber die schwere Hand der Unterdrückung muss genau hier beseitigt werden. Es ist auch genau hier, von wo aus sie direkte Unterstützung für die beeindruckende und vielversprechende Arbeit die sie machen bekommen sollten. In einem gewissen Ausmaß wird dies durch Projekte für Städtepartnerschaften und andere Formen der Solidarität realisiert. Wie sich diese Prozesse entwickeln wird das Schicksal von Millionen Kolumbianern entscheiden. Wir beobachten das nicht vom Mars aus, und sogar ein winziger Bruchteil dessen, was jene jeden Tag unter unvergleichbar härteren Bedingungen tun, kann einen enormen Unterschied machen.
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